London für Knausrige: kostengünstig und kurios

Was Sightseeingausgaben angeht, ist London die teuerste Stadt Europas. Aber, glaubt mir, ein gelungener Londonaufenthalt mit verrückten, spannenden Erlebnissen gelingt auch für wenig Geld!

Die Motivation zu sparen

Wenn jemand zwei Wochen im Jahr verreisen kann, dann sollen sich diese zwei Wochen wie eine Belohnung anfühlen, wie ein Höhepunkt des Jahres. Man spart davor und gönnt sich das Besondere.

Ich dagegen genieße es, dass ich viel herumkomme, nicht nur einmal im Jahr. Ich reise als Autorin von Ausflugsführern oder als Reiseleiterin für besondere Reisen. Ich bin mit meinem Einkommen aus meinem Berufsmix zufrieden, denn es reicht für das Leben, das ich führen möchte, aber es reicht nicht für das Riz. Das ist egal.

Ich versuche viel zu sehen, viel zu erleben, viele Eindrücke zu sammeln, ohne mein Konto zu malträtieren. Diesmal bin ich ohne Auftrag unterwegs, einfach nur für mich.

Es geht mir aber nicht ums Sparen um jeden Preis und ohne Blick für die Konsequenzen. Das Flugzeug mag preiswerter sein als der Zug. Dennoch werde ich am Boden bleiben und, wenn möglich, eher zum fair gehandelten Kaffee greifen als zum preiswerteren.

Anreise: Spar mit Eurostar

Einmal im Eurostar unter dem Ärmelkanal durchzurauschen ist die angenehmste Variante, um nach England und somit auch London zu gelangen. Es ist rückenschonender als der Bus und klimaschonender als der Flieger. Meine Reiseerfahrung zeigt: Unbedingt Monate vorher und direkt bei der Bahn auch das Eurostar-Ticket buchen! Es lohnt sich, verschiedene Wochentage durchzuprobieren, um einen günstigen Preis zu finden.

Meine Zugfahrt gestern und heute aber zeigt, warum eine Buchung bei der Bahn für beide Tickets sinnvoll ist: Der ICE ging hinter Vaihingen an der Enz in einem Tunnel kaputt. Er konnte dann als Schnecke auf Gleisen nach Karlsruhe weiterfahren. Dort stellte ich mich in die Schlange des Reisezentrums und erwarb ein neues Eurostar-Ticket ab Paris. Das werde ich rückerstattet bekommen. Auch die Quittung für die Nacht in einem einfachen Hotel am Gare de L’Est kann ich einreichen. Und weil meine Ankunft in London etwa 14 Stunden verspätet sein wird, also mehr als 60 Minuten, bekomme ich auch noch die Hälfte meines ursprünglichen Tickets erstattet. Da lohnt sich doch die Nacht in Paris, zumal ich in London keine Audienz bei King Charles oder eine Sonnenfinsternis im Tunnel verpasse.

Unterkunft: Getauscht statt gemietet

Ich wohne in einer kleinen Wohnung in der Nähe der U-Bahn-Station Blackhorse Road. Das ist weder superzentral noch am Arsch der Londoner Welt. Und es ist kostenlos, denn mein Tauschpartner von Home Exchange rollt im Gegenzug mit seinem Rennrad durch die Schwäbische Provinz.

Die Hotelpreise Londons würden den größten Teil meines Reisebudgets auffressen – doch so kaufe ich im coop mein Granola für das Frühstück und sitze abends auf der Terrasse statt in einer Hotellobby. Ich gieße Fuchsien und Olivenbäumchen und weiß, dass daheim die Tomaten gewässert werden.

Erschwinglich essen

Groupon: Essen mit Gutschein

Daheim blättere ich weder in Supermarktwerbung noch habe ich eine Paybackkarte. Warum ich vor Reisen alle Schnäppchenportale durchforste, kann ich nicht genau erklären. Vielleicht eine Art Vorausplanungswahn.

Eines dieser Portale ist Groupon. Da gibt es manchmal Gutscheine für zwei Portionen für den Preis von einer oder andere Angebote, mit denen Restaurants versuchen neue Kunden zu gewinnen. Ein solches Angebot habe ich heute genutzt und habe bei Crepeaffaire lecker gegessen.

Es gibt in England ein Dutzend Filialen und, aus welchem Grund auch immer, drei in Kuwait. Ob die Crepes auf der arabischen Halbinsel die gleiche Rezeptur haben, weiß ich nicht.

Meine zwei Crepes und zwei Smoothies in Islington waren super, das Café in einer netten schattigen Seitenstraße ohne Autoverkehr mit Plätzen innen und außen. Ich verzehrte „Le Goat deluxe“ und „Avocado Superveg“ mit Buchweizengalette und spazierte dann mit für die Temperaturen und meine Figur zu vollem Bauch durch die glühenden Straßen.

Mittagstisch statt Dinner

Viele Lokale in nicht allzu touristischen Gegenden Londons, in denen auch Studierende, Angestellte oder Arbeiterinnen und Arbeiterinnen ihre Mittagspause verbringen, bieten Lunch-Angebote. Teils gibt es das Mittagsmenü weit in den Nachmittag hinein.

Yollof-Reis und Plantain mit Hühnchen, serviert auf einem weißen Teller

In der Afrofeast cuisine in Bethnal Green etwa habe ich gegen 17 Uhr für 8.50 Pfund leckeren Yollof-Reis mit Hühnchen und Plantain-Banane gegessen. Abends kostet es etwa das Doppelte.

Studentisch snacken: George Farha Café

Das Café des University College hat unter der Woche von 11:00 – 14:30 geöffnet und wird von der Students Union betrieben. Es steht aber auch für Gäste mit weißen Haaren offen. Auf der Speisekarte wird bei jedem Gericht ausgewiesen, wie umweltverträglich es ist.

Ausgegeben wird das Essen in Mehrweggeschirr. Die Getränke gibt es in Glasflaschen. An den Wänden des Backsteinraums mit Sitzecken und großen Fensterscheiben steht, dass der Schutz des Planeten geht, nicht um Profit. Im Vorraum liegen köstliche Backwaren zum Essen vor Ort oder unterwegs in der Vitrine. Die Portionen sind nicht üppig, aber ausreichend und unter 7 Pfund für ein Gericht und 1,10 Pfund für die Wasserflasche sind für die Londoner Innenstadt ein Schnäppchen.

Oben bleiben – Bus oder Metro?

Die Nutzung des ÖPNV verlangt kein extra Ticket: Bankkarte oder Bank-App an die Schranke halten, durchgehen, fertig! Die Kosten ergeben sich aus der Entfernung. Die Underground-Bahnen finanzieren sich zu über 60% über den Fahrpreis, den die Reisenden entrichten. Das ist im weltweiten Vergleich viel. Fast alle europäischen Nahverkehrssysteme sind deutlich stärker subventioniert. Die Preise sind okay, aber nicht niedrig.

Wenn es Busse als Alternative gibt, so sind die zwar langsamer, bieten aber, besonders von oben im Doppelstockbus, mehr Aussicht als eine Tunnelröhre, erleichtern daher die eigene Verortung – und sind dazu mit 1,75 Pfund pro Fahrt inklusive beliebiger Umstiege, wirklich preiswert.

Kombitarife gibt es nicht. Muss man Underground und Bus benutzen, ist das in der Regel teurer als sich auf ein Verkehrsmittel pro Strecke zu beschränken.

Überblick bekommen: London im Modell

Modell der Stadt London 1:2000, dahinter Bänke

Im Internet finden sich Tipps für kostenlose Dachterrassen und Aussichtspunkte. Es ist mir nicht gelungen, einen davon zu besuchen: Geschlossen oder ausgebucht.

Macht nix! Ich bin davon überzeugt, dass NLA The London Centre den besseren Überblick bietet, denn hier kann man die Stadt von allen Richtungen betrachten, als kreise man als Themsemöve über den Straßen.

Das City of London Model (1:500): Zeigt die Innenstadt in hoher Detailtreue, inklusive historischer Gebäude und neu geplanter Hochhäuser. Teilweise sind die innen beleuchtet und spiegeln sich im Wasser der Themse, die durch das blaue Glas viel sauberer wirkt als das Original. 

Das New London Model (1:2000) ist ein 12,5 Meter langes Modell, das rund 195 Quadratkilometer abdeckt. Hier sind die Häuser kleine Würfelchen.

Man kann die Stadtstruktur nachvollziehen und sehen, in welche Richtungen die Stadt sich entwickelt. Wie organisiert man so eine Megastadt?

Stadtmodell Londons in 1:500. Im Vordergrund der Wohnkomplex Barbacan

Bummeln und staunen

Marktbummel sind unterhaltsam und kosten nichts, sofern einen nicht der Kaufrausch packt

Waren der Welt auf dem Walthamstow Market

Die meisten Waren, die auf dem zweitlängsten Straßenmarkt Europas angeboten werden, stammen wahrscheinlich nicht aus fairem Handel. Schuhe, das Paar für 3 Pfund, T-Shirts für 2 Pfund. Es gibt Handtaschen, Parfüm und Zitrusfrüchte in Plastikschüsseln, Jamaikanisches Streetfood und afrikanische Batikkleider. Geschäftige Händler verkaufen Kabel aus jedem Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts, in den Läden hinter den Standreihen frische Fische auf Eis, Stoffe aus Asien und Afrika.

Das Angebot ist so international wie die Besucher und die Preise an den Imbissständen sind für Londoner Verhältnisse sehr moderat!

Sonntägliche Sonnenblumen: Der Columbia Road Flower Market 

Der bekannteste Blumenmarkt in London findet jeden Sonntag von 8 Uhr bis 14 Uhr statt. Auf der Straße stehen Marktstände, deren eifrige Verkäufer an Marktschreier auf einem Fischmarkt erinnern. Niedliche Läden und Cafés in den umliegenden Häusern sind gut besucht. Menschen schleppen Monsteras und Olivenbäume durch die Gasse. Manche Stände haben sich spezialisiert auf Topfpflanzen oder auf Kräuter.

Wege am Wasser: Walthamstow Wetlands

Das 211 Hektar große Gebiet der Walthamstow Wetlands entstand aus einem ehemaligen Wasserreservoir-System, das im 19. Jahrhundert angelegt wurde, um die wachsende Bevölkerung Londons mit Trinkwasser zu versorgen. Dass das Gebiet verschiedene Eingänge hat, die je nach Jahreszeit um 16 oder 17 Uhr geschlossen werden (Der Einlass endet 30 Minuten davor), habe ich mir erst so erklärt, dass man verhindern will, dass im Dunklen jemand heimlich ins Trinkwasser der Londoner pinkelt, aber das Wasser in den Walthamstow Wetlands stammt aus dem River Lea und wird nicht mehr für die Trinkwasserversorgung genutzt. Für Birdwatcher sind die Uhrzeiten etwas ungünstig. Vielleicht will man aber die Belästigung der 300 Vogelarten minimieren, die vorkommen sollen. Der London Wildlife Trust versucht die Besucher auf zwei Wegen zu kanalisieren, was ja ökologisch sinnvoll ist.

Das Gebäude des heutigen Parkzentrums mit Café war früher ein Pumpwerk. Es gibt einen Shop mit Artikeln zur Umweltbildung und zur Nachhaltigkeit. Wie nachhaltig die Uhr ist, die ich gekauft habe, und die in China überwiegend aus Recyclingmaterial hergestellt worden sein soll, kann ich nicht beurteilen. Nachhaltiger wäre das Reparieren einer alten. Aber die Automatikuhr meines Vaters von 1968, deren Ticken mich schon aus Säugling beruhigt hat, und das ich so sehr liebe, lässt sich leider nicht mehr reparieren. Es gibt keine Ersatzteile mehr. Und do habe ich mir nach einem uhrenlosen, wenn auch nicht zeitlosen Jahr, einen Schmetterlingszeitanzeiger gekauft.

Brick Lane – Graffiti, Gebrauchtwaren und Leckeres aus aller Welt

Die durch den hohen Schornstein von weither sichtbare Brauerei in der Brick Lane wurde 1666 gegründet. Unter der Leitung von Benjamin Truman, der 1722 in die Firma eintrat, expandierte die Brauerei rasant und wurde bis 1853 zur größten Brauerei der Welt, die auf sechs Hektar Fläche 400.000 Fässer pro Jahr produzierte. Die Brauerei prägte das East End Londons über Jahrhunderte und war ein zentraler Wirtschaftsfaktor, bis sie 1989 geschlossen wurde. Die alte Truman Brewery wurde nach ihrer Schließung zu einem kulturellen Zentrum mit Märkten, Ateliers und Veranstaltungsorten umgewandelt und trug so zum Image Brick Lanes als alternativer, kreativer Ort bei. Graffitis auf den Gebäuden geben der Straße einen kunterbunten Charme. Es gibt für ein Pfund frische, leckere bengalische Süßigkeiten und für 7 Pfund Wraps mit westafrikanischen Kochbananen.

Londoner Museen ohne Eintrittsgebühr

Gar nicht einschläfernd: das Narkosemuseum

Das Museum of Anesthesiology liegt im Untergeschoss eines repräsentativen Jahrhundertwendehauses am Ende eines Korridors, der an eine Gemeinschaftspraxis erinnert. Da das Museum nicht gerade von Besuchern überrannt wird, da das Thema dem ein oder anderen ermüdend scheinen mag, muss man klingeln, um Einlass zu bekommen.

Die Ausstellung ist klein. Es geht um die Geschichte der Betäubung, begonnen beim Mesmerismus über verschiedene Techniken zum Einatmen von Äther und Chloroform hin zu Lokalanästhetika, Überwachung von Narkosepatienten und Notfallausrüstung für Sanitäter.

Man sieht einen edlen Erste-Hilfe-Koffer roter, goldbeschlagener Blasebalg und Messer für den Luftröhrenschnitt.

In Schubladen gibt es Röhrchen und Klammern und alles, was in den Schaukästen keinen Platz findet. Die Erklärungen sind auch für Laien verständlich. Tagesfüllend ist der Besuch nicht, aber mal was anderes!

Grants Museum of Zoology: Nette Skelette

Die Maulwürfe fehlen. Im Grant Museum of Zoology in London gibt es ein ein großes Glasgefäß, gefüllt mit hunderten von toten Maulwürfen. Dieses „Jar of Moles“ ist wohl eine der Hauptattraktionen des Museums, aber es wurde zum 200. Jubiläum der Universität verliehen. Ich habe es nicht vermisst.

Das Museum beherbergt auch ohne die Maulwürfe insgesamt rund 68.000 zoologische Exemplare.

Es ist ein Paradies für Freunde von Exponaten wie Anakonda-Skeletten, explodierten Pferdeschädeln, eingelegten Delphin-Embryonen und Gehirnen verschiedenster Tierarten und jeden anderen Naturfreund.

Die kurzen Texte sind Erstaunen erregend und lehrreich zugleich. Man schüttelt den Kopf und lernt neben Skurrilem auch, dass an Hufeisenkrebsen aufgrund ihres empfindlichen Immunsystems Medikamente getestet werden, was man aus der Zahl der auf Nummernschildern verendeten Insekten ablesen kann.

Es wird anhand ausgestorbener Tiere auf das Artensterben aufmerksam gemacht und die ethische Frage gestellt, ob man aus der DNA der im Museum aufbewahrten Präparate ausgestorbener Spezies Arten nachzüchten sollte.

Ein Museum, wie ich es liebe!

God’s own Junkyard

Es gibt Künstler, deren Ästhetik man kennt, ohne ihren Namen je gehört zu haben. Chris Bracey entwarf Neon-Schilder für Neil Jordans Film Mona Lisa (1986) und arbeitete später an Stanley Kubricks Eyes Wide Shut und für vier Batman-Filme.

Ehe er für Filme Neonleuchten bog, sorgte er zu Beginn seiner Karriere im Neon-Familienbetrieb seines Vaters dafür, dass das Rotlichtviertel in Soho rotes Licht bekam. Einen Teil seiner Werke kann man in dem Londoner Stadtteil bestaunen, in dem er das Neonlicht der Welt erblickte: Walthamstow.

Der Besuch in God’s own Junkyard in einer Mischung aus Museum, Second-Hand-Laden und Bar ist kostenlos und erleuchtend!

Wohnlich: Das Museum of the Home

Das Museum of the Home befindet sich in einem Gebäude, das ursprünglich 1714 als Almshouses (Armenhäuser) für die Bedürftigen Eisenhändler errichtet wurde.

Es wurde von Sir Robert Geffrye gestiftet. Er hat in seinem Testament die Mittel für die Errichtung der Almshouses (Armenhäuser) hinterlassen und angeordnet, dass die aufgenommenen Bedürftigen für seine Seele beten. Die Kapelle im Museum ist erhalten. Vielleicht machte der Wohltäter sich Sorgen, ob der von ihm betriebene Sklavenhandel ihn ins Fegefeuer führt.

Im Museum sind in den einzelnen Räumen die Wohnvorlieben durch die Geschichte dargestellt, von der Zeit, als Gesinde und Azubis automatisch mit zur Familie gehörten und alle zusammen in der „Hall“ aßen, über die Erfindung des Esszimmers, hin zu migrantischer Wohnkultur der 1970er oder WG-Zimmern im Hochhaus.

Das Museum macht klar, dass unsere Art uns einzurichten, nie Zufall ist, dass es immer Ausdruck kultureller Traditionen und eigener Vorlieben ist.

Spannend sind etwa Fotos von vom Grundriss her vollkommen identischer Wohnzimmern eines Mehrfamilienhauses mit völlig verschiedener Einrichtung.

Hingucker in der Nationalgalerie

Sitzt die Fliege auf dem Bild oder auf der Haube? Einige Bilder der Nationalgalerie zeigen neben der Kunstfertigkeit durchaus auch künstlerischen Humor.

Man könnte hier den ganzen Tag verweilen. Ich liebe es aber, kurz an Kunst zu nippen, statt mich zu überfressen.

Erasmus von Rotterdam in der National Gallery

Ich habe mich auf die Renaissance beschränkt und einen Bogen um die „Arnolfini-Hochzeit“ von Jan van Eyck, gemalt 1434, gemacht, vor der mehrere chinesische Gruppen Schlange standen, die sich interessanter Weise weniger für Erasmus von Rotterdam von Hans Holbein dem Jüngeren interessierten. Man muss das jetzt nicht politisch deuten.

Schauen und schaudern im Huntarian Museum

Jahrelang habe ich in der Ausflugsführerserie „Schräge Heimat“ auch über ungewöhnliche Sammlungen geschrieben. Es ist also nicht das erste Mal, dass ich besonders großen Blasensteinen oder einem musealen Tumor begegne. Aber die Fülle an ungewöhnlichen Exponaten im Huntarian Museum, hat sogar mich überwältigt, und ich habe es nicht geschafft, bis zur Schließung alle betrachtet zu haben.

Das Huntarian Museum würdigt John Hunter, einen Schulabbrecher, der die Anatomie und Pathologie vorantrieb. Er arbeitete mit Leichenräubern zusammenarbeitete, um an Obduktionsobjekte zu kommen, transplantierte gut betuchten Kunden die Zähne armer Schlucker und forschte nebenbei über Zahnkrankheiten und Voraussetzungen für Transplantationen.

Er stellte „rassenkundliche“ Schädelanalysen an, erkannte die Funktion des Magensafts und sammelte, was das Zeug hielt, Präparate.

Im Mai 1941 zerstörten Bomben während des Zweiten Weltkriegs zwei Drittel der Sammlung, doch überlebten etwa 3.500 Originalpräparate der ursprünglich 14.000.

Ein Blick ins Lager: das V&A East Storehouse

Es gibt Ausstellungen, die niederschwellig sind und Besucher an die Hand nehmen, indem sie Objekte erklären und einen roten Faden bieten. Mir selbst gefallen Museen, denen dieser rote Faden fehlt, in denen ich mal staune, mal schmunzle, mich wundere. Ich mag dieses uralte Konzept des „Kuriositätenkabinetts“, weil es zeigt, wie vielfältig die materielle Welt ist. Und so hat mich auch das V&A East Storehouse begeistert.

Es ist eine öffentlich zugängliche Depothalle des Victoria and Albert Museum in London und befindet sich im Queen Elizabeth Olympic Park in Stratford. Eröffnet wurde das Haus am 31. Mai 2025 und umfasst über 250.000 Objekte, die normalerweise in den Lagerräumen des Museums verborgen bleiben.

Besuchende gehen durch ein Hochregallager. Es gibt keine traditionellen Vitrinen, stattdessen werden Objekte auf Paletten und Regalen präsentiert – und welche Objekte! Ein von Frank Lloyd Wright entworfenes Büro, eine Frankfurter Küche (dafür muss man nicht nach London. Man kann auch meinen Rätselführer über Frankfurt verwenden, um eine zu sehen!), Pullis von David Bowie, eine Betonfassade von 1972, orientalische Fayencen – und das alles ohne System. Ich war nicht alleine unterwegs. Begleitet hat mich mein von meinem letzten Housecarer geschnitzter Reisegnom.

Es lebe die Vielfalt: Das Vaginamuseum

Das Vaginamuseum hat sich der Aufklärung über die weibliche Anatomie gewidmet und hinterfragt Schönheitsideale. Es wird darüber informiert, dass die symmetrischen Minivulven in Pornos auf anatomische Rassenlehren des 18. Jahrhunderts zurückgehen: Frauen mit längeren Schamlippen gelten als tierisch triebhaft. Je mädchenhafter und unsichtbarer, desto züchtiger – selbst als Pornoideal. Anscheinend gibt es einen riesigen Markt für Schönheits-OPs, weil Frauen ihre Vulven nicht normschön finden. Man kann mitmachen und Fotos der eigenen Vulva schicken.

Das Museum ist nicht provokativ oder effektheischend. Es bricht mit einer Tamponskulptur mit glitzerndem Menstruationsblut Tabus, aber nicht aus Freude am Schockieren, sondern weil viele Frauen ihren Körper weder kennen, noch als das vielgestaltige Wunderwerk feiern, das er ist.

Das Museum macht die Vielfalt der Vulven sichtbar und feiert sie.

Preiswerte und kostenlose Kultur-Events

King’s Cross Summer Sounds Festival

Ich liebe Weltmusik und gönnte ich mir einen lebendigen Abend beim Summer Sounds Festival im Coal Drops Yard, einem umgenutzten viktorianischen Kohlespeicher, in dem einst die Kohle aus Nordengland aus den Bahnwaggons geschüttet und zum Weitertransport auf Pferdewagen geladen wurde. Es spielte der Sitarist Tommy Khosla hauptsächlich lateinamerikanische Musik auf der indischen Sitar, dann spielte die Gruppe „The Scorpios“ sudanesischen Funk.

Das Programm ist bunt. Mal stehen LGBTTIQ-Künstler im Vordergrund, an einem anderen Tag Chormusik. Man sitzt bequem in Liegestühlen. Es gibt keinen Verzehrzwang. Und wer tanzen will, tanzt!

Orgelkonzerte in der Southwark Cathedral

Die Kathedrale mit einem hellen Hauptschiff mit hoch aufragenden Bögen und kunstvollen Buntglasfenstern ist architektonisch beeindruckend. Und noch besser kann man sie genießen, wenn man, ein Glas Weißwein in der Hand, in ihr sitzt und neben Shakespeare aus Alabaster, der sich lässig auf seinen Arm stützt, der Orgel lauscht.

Ich hatte das Glück, das Sommer-Orgel-Festival besuchen zu können. Ich verstehe nichts von Orgeln, aber die Klangvielfalt ist für mich bei jeder ein neues Wunder. Das Spiel des Organisten wurde von seinem Spieltisch auf ein Whiteboard übertragen. Das Ticket bei Timeout gab es für 5 Euro. Das Bier und der Wein sind preiswerter als in jedem Pub.

Off Topic: Camden Locks Explorer und Canal Museum

£24.75 sind ein Batzen Geld für sparsame Reisende. Und doch scheint mir das Angebot des Canal Museums, das den Besuch des Museums beinhaltet und bei den man unterwegs mit Kaffee oder Tee bewirtet wird, das Geld wert.

Das Museum mit dem ehemaligen Eiskeller, in dem aus Norwegen importiertes Eis gelagert wurde, das mit Booten nach London kam und einem Pferdestall für Zug- und Treidelpferde im Obergeschoss, ist wirklich sehenswert! Der Eintritt ist im Fahrpreis eingeschlossen.

Eine steinalte Homepage, kein Marketing, ein echter Kanalführer statt eine Stimme vom Band, zwei Skipper, das sieht nach Enthusiasmusprojekt aus. Ich habe den „Camden Canal Explorer“ gewählt. Es gibt aber auch andere Routen.

Während der Fahrt springen die Skipper immer wieder zum Schleusenöffnen an Land und bitten zufällig vorbeikommende Passanten zu helfen, mit dem Po gegen den Balken zu drücken, damit sich das Tor öffnet oder schließt.

Mit mir waren nur fünf weitere Reisende auf dem 13,75 Meter langen, schmalen Kanalboot. 12 Gäste finden maximal Platz. Reich wird damit niemand.

Ich war die Exotin. Alle anderen fünf Teilnehmenden waren Briten. Und immer, wenn ich bei den Erklärungen des Guides nicht schnell genickt habe, vergewisserte er sich, dass ich auch wirklich alles verstanden habe, was er in wundervollem, britischem Englisch über die Schule, die Boris Johnson besucht hat, die Schleusentechnik oder das Krankenhaus für Treidelpferde erzählt hat. Ich musste mich sehr konzentrieren, um ja keinen Anlass zu verständigem Nicken zu verpassen.

Mittags gab es eine Pause, um Essen zu kaufen. Wo? Am Camden Lock Market. 1993 muss es gewesen sein, im Jahr der Leichtathletik-EM in Stuttgart, als ich zum ersten und bislang einzigen Mal in London war. Ich habe nur bruchstückhafte Erinnerungen.

Ich weiß, dass mich die Docklands begeistert haben – und Camden Lock Market mit seinen Ständen voll kreativer Basteleien. Also kaufte ich keinen Imbiss. Ich kaufte eine Kette aus Glasperlenblümchen und Ohrringe. Warum? Weil ich offenbar immer noch denselben Geschmack habe wie 1993.

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