Unterkunft mit Home Exchange

Home Exchange ist leider nicht für jeden machbar. Wenn ich Werbung dafür mache, so ist mir bewusst, dass da dieser merkwürdige Bibelspruch gilt: „wer viel hat, soll noch mehr bekommen„. Voraussetzung ist, dass man irgendeine Wohnung besitzt oder gemietet hat, die leer steht, während man reist. Es reicht auch ein WG-Zimmer und tolerante Mitbewohnerinnen und Mitbewohner.
Wer, fragt man sich, will nach Plüderhausen? Sie wissen nicht, wo das ist? Das ist mein Heimatdorf im Stuttgarter Speckgürtel, das – zugegeben – nicht die deutschen Tourismusrankings anführt. Dennoch finde ich immer wieder Tauschpartnerinnen und Tauschpartner. Diesmal habe ich die Schwäbische Provinz eingetauscht gegen eine polnische Universitätsstadt. Ich sitze auf dem Balkon einer Wohnung, deren Dusche so viele Programme hat, dass ich überfordert damit bin, von welcher Seite ich mich mit Wasser bespritzen lassen möchte. Sehr nobel.
Ich erinnere mich an die Polenpakete, die meine Schulklasse in den Achtzigern nach Polen geschickt hat. Meine Brieffreundin Cornelia verstarb an Masern oder einer anderen Kinderkrankheit, die damals nicht in Polen heilbar war. Ist das dasselbe Polen?
Parks
Park Cytadela

Auf dem weitläufigen Gelände der ehemaligen preußischen Festung Fort Winiary befindet sich ein militärgeschichtliches Museum. Viel Kriegsgerät steht herum. Der Mittelpunkt ist das Denkmal des Friedens und der Freundschaft zwischen den Völkern.
Eine der ersten politischen Reden, an die ich mich erinnern kann, war die Rede Richard von Weizsäckers zum 40. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1985. Ich bekam sie als Langspielplatte geschenkt und weiß nicht mehr, von wem.
In dieser Rede betonte der damalige Bundespräsident, dass der 8. Mai 1945 für Deutschland kein Tag der Niederlage, sondern der Befreiung war – von der nationalsozialistischen Diktatur. Er forderte damals dazu auf, sich der Geschichte ohne Beschönigung oder Ausflüchte zu stellen. Nur so könne die Erinnerung an den Krieg und seine Opfer zu einem Teil der deutschen Identität werden und zukünftige Generationen vor ähnlichen Fehlentwicklungen bewahren.



Ich habe diese Rede immer wieder im Ohr, wenn ich, wie heute in Poznań auf Soldatenfriedhöfe komme. Die sterblichen Überreste von geschätzt 5.000 Soldaten liegen hier in Gemeinschaftsgräbern: Kriegsgefangene, Gestapoopfer, Royal Air Force, Rote Armee.

Der Park über den Gräbern ist ein Erinnerungsort: Denkmäler und Spielplätze, Hängematten, Bier und Panzer.
In einem Lokal kann man unter anderem Birnencidre bestellen und sich ein Plätzchen auf der Wiese suchen. Ein richtig schöner Feierabendort.
Krieg scheint unendlich weit fort, auch wenn man unter den Gästen Ukrainisch hört.
Ich hoffe, wie haben gelernt!
Palmenhaus und Woodrow-Wilson-Park
Das Palmenhaus „Palmiarnia Poznańska“ bietet seit 1911 in zehn Pavillons etwa 1.100 exotische Pflanzenarten aus verschiedenen Klimazonen passende Wachstumsbedingungen. Ein etwa 18 Meter hoher Dattelpalmen-Baum ragt in den verglasten Himmel.
Es wachsen jede Menge Orchideen, Farne, Ananasgewächse, Kakteen, Monstera, Philodendron, Dieffenbachia und viele Pflanzen, deren auf Schildchen angegebene Namen mir vollkommen unbekannt sind.

In den Häusern ist man wie in einem dichten, geheimnisvollen tropischen Wald unterwegs. In einem Becken ist die Victoria amazonica zu sehen, deren schwimmende, bis zu zwei Meter große Blätter sogar das Gewicht eines kleinen Kindes tragen könnten.

Immer wieder überraschen mich die Begonien – nicht die Eisbegonien der Friedhofsgärtner, sondern verschiedenste Arten mit unbegreiflich vielfältig geformten Blättern.
Sowohl das Palmenhaus als auch der umgebende Woodrow-Wilson-Park mit einem wenig spektakulären Alpengarten und einer Konzertmuschel stehen unter Denkmalschutz.





Alter Zoo
Der Stary Zoo ist eine kostenlose grüne Oase in der Stadt. Es ist kein zoologischer Garten von Weltrang, sondern eher ein Park mit verwunschenen Ecken um ein Buch zu lesen, oder um beim Betrachten von Schildkröten und wiederkäuenden Zebus zu entschleunigen. Mit seinen alten Bäumen, zotteligen Bretonischen Zwergschafen, roten Ibisen, den malerischen Wegen, gemütlichen Schweinen und den historischen Gebäuden, teils im maurischen Stil, lädt der Park zum Verweilen ein






Adam-Wodziczki-Park und Sołacki-Park
Der Adam-Wodziczki-Park und Sołacki-Park, die direkt aneinander anschließen, bilden einen grünen Korridor entlang des Bächleins Bogdanka, welches im Sołacki-Park zu Teichen aufgestaut wurde. Die Böden sind deswegen sumpfig. Die Parks liegen in einer kühlen, feuchten Senke, was dicke Eichen, Pappeln und Birken genießen. Am Ufer leuchten blaue Iris und Rhododendren. Es gibt viele Bänke zum Entspannen.






Skansen Miniatur Szlaku Piastowskiego
Mit der praktischen App Jakdojade kann man unproblematisch die nächste Verbindung nach Pobiedziska Letnisko nehmen und erreicht in 20 Minuten den kleinen Bahnhof Pobiedziska Letnisko.

Am Weiher (er trägt in keiner Karte einen Namen) gelangt man zum Muzeum Miniatur Szlaku Piastowskiego, einer Art Touriinfo, bei der man sich schon in klein ansehen kann, was die Region zu bieten hat. Im Büro gibt es dann Prospekte und Nippes zu den gezeigten Ausflugsorten.

Das Gelände ist nichts, was man gesehen haben muss, wenn man Europa in 14 Tagen absolviert, aber ein netter Miniaturenpark, der etwa 35 historische Gebäude des polnischen Piastenwegs im Maßstab 1:20 präsentiert. Es veranschaulicht die Entwicklung der polnischen Architektur. Die Freiflächen dienen unter anderem dem Anbau von Radieschen.
Zu den Highlights der Ausstellung gehören Nachbildungen bedeutender Bauwerke aus Posen, Gniezno und Inowrocław., detaillierte Modelle von Rathäusern, Palästen, Kirchen und alten Burgen. Man kann in eine nachgebaute Ritterrüstung schlüpfen, Kinder können Häuser in Bohlenbauweise nachbauen. Vor dem Museum gibt es einen Stand mit Waffeln und Eis.






Botanischer Garten
Der Ogród Botaniczny Uniwersytetu im. Adama Mickiewicza erstreckt sich über 17,2 Hektar und gehört, wie man am Namen unschwer ablesen kann, zur Universität. Er präsentiert sich aber nicht in erster Linie als Forschungseinrichtung, sondern ist auch für blumenliebende Laien ein tolles Ziel.

Natürlich gibt es systematische Abteilungen, aber auch die fand ich als Nichtbiologin sehr ansprechend. Nebeneinander diese unglaublich verschiedenen Blattschattierungen von von Funkien (Hosta) zu sehen, ist faszinierend und Sedum-Arten liebe ich sowieso.

Ich war da zur vollen Blüte der Pfingstrosen, die eine große Fläche einnehmen. Die Rosen, die in von kleinen Hecken umgrenzten, fast barock anmutenden Rabatten stehen, fingen gerade an zu blühen.
Die interessanteste geografische Abteilung schien mir das Gebirge, denn im flachen Poznan durch ein winziges, künstlich und malerisch nachgebildetes Gebirge zu gehen, ist unterhaltsam. Über 8.000 Pflanzenarten sind ausgestellt, sagt die Homepage des Gartens. Gezählt habe ich sie nicht.







Sonstige Erlebnistipps
Fotoplastikon
In Poznań gibt es seit 1923 ein Fotoplastikon, das heute im Arkadia-Gebäude in der ul. Ratajczaka 44 zu finden ist. In einer hölzernen Trommel rotieren Stereofotografien, wobei jeweils zwei nebeneinanderliegende Bilder durch separate Gucklöcher für das rechte und linke Auge betrachtet werden. Das Gehirn setzt die beiden leicht verschobenen Bildeindrücke zu einem plastischen, dreidimensionalen Bild zusammen.

Zur Entstehungszeit machte das Fotoplastikon exotische Orte und bedeutende Persönlichkeiten für die Betrachter greifbar. Dass mich dieses Gerät 2026 noch so beeindrucken würde, hätte ich nicht gedacht.
Das Posener Exemplar überstand beide Weltkriege und wurde 2015 aufwendig restauriert. Das Gerät zeigt wechselnde Ausstellungen mit 48 Stereofotografien.
Ich hatte das Glück, Aufnahmen der Apollomissionen zu sehen. Wow! Die Mondkrater – ich habe den Mond noch nie so plastisch, so eingedellt vor mir gesehen. Der Blick auf das Armaturenbrett der Mondfähre. Ich presste mein Gesicht so fest an die Messingränder der Gucklöcher, dass die Druckstellen eine Stunde lang blieben.


Muzeum Narodowe Rolnictwa i Przemysłu, (Nationalmuseum für Landwirtschaft und Lebensmittelherstellung in Szreniawa)
Das Museumsgelände, ein paar Kilometer südlich von Poznan, ist mit dem Nahverkehrszug einfach zu erreichen und ist mit 13 Ausstellungspavillons, Ställen und Freiflächen eines der größten Agrarmuseen Europas.



Ich bin ja eine Museumsmischköstlerin – kein Thema, dem ich nichts abgewinnen kann. So bestaunte ich Bienenbeuten und Melktrainigskühe zum Befüllen, Ziegennachwuchs, Butterfässer und veterinärmedizinische Gerätschaften. Es sind zwei riesige Dampfpflüge ausgestellt. Eine Halle zeigt eine Sammlung von Tarpan-Fahrzeugen, die in den 1970er und 1980er Jahren in Polen produziert wurden.
Verblüfft hat mich eine Ausstellung von Agrarflugzeugen. Ein Hingucker, selbst für mich als Technik-Laiin, ist der einzige erhaltene landwirtschaftliche Düsenjet der Welt, der polnische M-15 Belphegor.


Im ganzen Komplex waren an allen Ausstellungsgebäuden Hinweisschilder, die es verbieten, in ihnen zu essen, aber es gab keinen geöffneten Imbiss.



Klub pod Minogą

Klub pod Minogą in Poznań ist ein Ort der Subkultur in einer historischen, bürgerlichen Mietshaus im Zentrum, nur 200 Meter vom Platz Wolności entfernt.
Auf zwei Ebenen finden Konzerte, DJ-Abende und Stand-up-Shows statt – von Rock über Metal bis Indie. Das offene Treppenhaus in den Konzertsaal ist bemalt mit Pflanzenranken im Charme des Jugendstil.
Die Atmosphäre innen unter den unrund sich drehenden, eigentlich zu schwachen Ventilatoren unter der Stuckdecke ist roh, lebendig und authentisch. Ein Ort für alle, die echte Musik und Stadtgeschichte ohne Schnickschnack erleben wollen. Es gibt sogar alkoholfreies Bier vom Fass – neben Guinness und Export. Im Wandschrank hinter dem Tresen lagert Hochprozentiges.


Essenstipps:
Too good to go

Too good to go – die App gibt es auch in Polen – und auch hier kann man übrig gebliebenes Essen retten. Leider habe ich kein Behältnis dabei und bin mir sicher, dass ich zwar Reste eines Frühstücks aus einem Café gerettet habe, die nicht aufgegessen wurden, doch die zwei Plastikboxen machen meinen Rettungseinsatz doch ökologisch fragwürdig. Immerhin habe ich mein Reisebesteck aus Edelstahl dabei und brauche keine Einweggabel.
In einem kleinen Park esse ich lauwarmes Rührei mit Würstchen und verschiedenen Salaten. Überwürzt ist es nie, das polnische Essen.
Georgische Khnkali
In Poznan gibt es an vielen Ecken georgische Bäckereien und Imbisse. Beim ersten Imbiss konnte ich noch widerstehen und dachte an mein Vesperbrot in der Tasche. Der zweite zog mich magisch hinein. Bedient wurde ich von einer Ukrainerin. Der Koch ist Armenier. Ich wartete 20 Minuten und bekam dann heiße Khnkali, das Stück für 8,5 PLN. Vier reichen auch mir um satt zu werden. Es gab vegetarische Varianten, aber ich habe das Original genossen.
Es wurde mir ein Körbchen mit Handschuhen gereicht, um meine Finger nicht dreckig zu machen! Ich habe sie so am Zipfel gepackt und ausgeschlürft, denn ich kann von diesen kaukasischen Maultaschen nicht genug bekommen. Ich habe sie in Tiflis gegessen, in Lwiw, in Frankfurt und Stuttgart, in Helsinki und Paris. Wo auch immer ich ein georgisches Restaurant finde, muss ich es testen, und in Poznan werde ich nicht zum letzten Mal Khnkali verzehrt haben!

Weitere nachhaltige Reisetipps gibt es für Gozo

Deine Texte sind ja das interessante dran, einfach gut. Du kannst ein Buch darüber schreiben, über Poznan
Würde ich gerne! Mein Frankfurtbuch ist letzte Woche erschienen: „Outdoor-Escape-Touren Frankfurt“. Köln und Stuttgart sind im Druck. Warum nicht Poznan?