Gozo mit Bus, Bahn, Fähre und zu Fuß

Wie kommt man ohne Flugzeug nach Malta?

Natürlich weiß ich, dass meine Flüge nur ein Tröpfchen Kesorin in der Ölpfütze der Welt sind, aber wenn möglich möchte ich in Europa auf den Flieger verzichten.

Eine Alternative zu finden, ist gar nicht so einfach. Rome2Rio, eine Internetseite, die sonst zuverlässig den Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln weist, ist überfordert. Die europäische KI Mistral lobt mein verantwortungsbewusstes Handeln, rechnet mir vor, dass ich auf dem Landweg nur etwa ein Fünftel CO2-Äquivalente im Vergleich zum Flieger verursache, und will mich über Ljubljana in Slowenien, Belgrad und Thessaloniki in Griechenland ins Mittelmeer schicken. Die Bahn-App weigert sich mir Nachtzüge anzuzeigen und trainline kennt nur den Weg mit dem Nightjet der Österreichischen Bundesbahn. Als ich auf einem Weg über die Schweiz beharre, kann ich am Ende doch die Karte von Lugano nach Syrakus über die App buchen.

Ich plane zwei verschiedene Routen auszuprobieren, hin verbrate ich meine Bahn-Bonus-Punkte für eine Freifahrt Europa und werde so die ersten sechs Stunden Zugfahrt kostenlos genießen. Das Ticket Lugano-Syrakus bekomme ich bei trainline, das Stückchen nach Pazzallo hoffe ich unterwegs kaufen zu können. Die Fährverbindung zwischen Pozzallo (Sizilien, Italien) und Valletta (Malta) wird von Virtu Ferries betrieben und ich buche das Ticket online.

Route für die Hinfahrt

  • Plüderhausen ➞ Stuttgart Hbf MEX13
  • Stuttgart Hbf ➞ Mannheim Hbf ICE 614
  • Mannheim Hbf ➞ Basel SBB ICE 101
  • Basel SBB Basel SBB ➞ Lugano IC 671
  • Lugano → Mailand
  • Mailand → Rom
  • Rom → Syrakus Intercity Notte
  • Syrakus → Pozzallo
  • Pozzallo → Valletta Fähre
  • Valetta → Mgarr Fähre

Route für die Rückfahrt

Zwischen Malta und Syrakus geht es auf demselben Weg zurück, dann aber nehme ich die Verbindung

  • Syrakus → Bologna Centrale
  • Bologna Centrale → München Hbf ÖBB Nightjet
  • München Hbf → Stuttgart ICE
  • Stuttgart → Plüderhausen

Auf dem Hinweg gönne ich mir eine Pause in Pozzallo, auf dem Rückweg in Syrakus.

Kosten

Die Fähre zwischen Sizilien und Malta kostet hin und zurück 123 €, die Fahrkarten ohne die Strecke nach Lugano zusammen 314 € im Vierbett-Damenabteil. Der billigste Flug mit Zwischenlandung in Bulgarien würde 420,00 € ohne Gepäck kosten.

So viel mehr Abenteuer, Nostalgie und Nervenkitzel für nur 17 € mehr! Bahnfahren ist kein Schnäppchen, aber doch nicht so viel teurer als der Flieger, wie ich gedacht hatte. Mahlzeiten sind natürlich, anders als im Flugzeug, nicht dabei, aber ich hoffe, ich kann immer mal wieder beim Umsteigen zu einem Bäcker hüpfen und mir ein Stück Focaccia kaufen. Und ich bekomme weder Ärger wegen meiner Trinkflasche noch wegen meines Gepäckwägelchens.

Packliste für die Bahnreise zwischen Klimazonen

In Plüderhausen ins es klirrend kalt. An der gläsernen Balustrade haben sich über Nacht Eisblumen gebildet. Ich will nicht auf dem Weg zum Bahnhof erfrieren, aber ich will auch nicht unnötig Ballast ins mediterrane Malta schleppen, wo es zwar noch nicht brütend heiß sein, aber um die 15 Grad haben soll.

Koffer sind mir ohnehin zu unhandlich beim Umsteigen. Ich habe Hyperkyphose, Hyperlordose, Skoliose und Patelladysplasie. Ich brauche Gepäck, das ich ohne Rückenschmerzen unterwegs sein lässt. Darum schwöre ich auf

  1. meinen großrädrigen, vollgummibereiften Anderson-Einkaufstrolley, der die maximale Spurbreite hat, um durch die Gänge in ICEs und TGVs zu rollen und Treppen zu bewältigen. Er ist kopfsteinpflastertauglich. Vor Ort kann ich damit auch einkaufen gehen. Sein Gestell ist einklappbar und er passt so in das Gepäckfach der Bahn Theoretisch ließe er sich auch als Fahrradanhänger und zum Transport von Bierkisten verwenden, was in diesem Fall weniger relevant ist.
  2. meinen 22l- Deuter-Tagestrucksack „Zugspitze“ mit Rückennetz, das meine Wirbelsäulenverkrümmung ausgleicht. Der begleitet mich im Alltag zur Arbeit und jetzt in den Urlaub. Und nein. Ich bekomme von diesen Firmen keine Provision.

Was in diese Gepäckstücke nicht passt, darf nicht mit.

Am Leib getragen:

  • ein wollenes Langarmunterhemd.
  • eine Unterhose
  • eine Baumwolltunika, die auf Malta als Kleid dienen kann
  • eine leichte Wolljacke
  • eine Stumpfhose
  • dicke Wollsocken
  • eine gut waschbare Hose mit Gummibund
  • Lederturnschuhe
  • einen Tunnelschal, den ich zur Mütze gewandelt habe, der auf Malta auch gegen UV schützen soll.

Was im Trolley ist:

  • Kameraausrüstung (mit zu vielen Objektiven, weil ich mich nicht entscheiden konnte)
  • Unterwäsche
  • Bikini, Badelatschen, Schwimmbrille (nicht weil ich im kalten Wasser baden will, sondern weil Victoria ein 50m-Olympiabecken hat)
  • Sandalen
  • Hosenrock
  • reißfeste Feinstrumpfhosen
  • Knieorthesen (vorgestern bekommen. Die sollen jetzt passen zu meinen trichterförmigen Beinen)
  • Woll-T-Shirt (müffelt nicht, wenn man es auslüftet)
  • Regenjacke
  • Waschzeug
  • Bücher (Reiseführer, darunter ein uralter Dumont-Kulturführer, denn Restauranttipps findet man im Internet, aber Tempelgrundrisse veralten nicht und sind zeitlos, Fachbücher)
  • Reise-Steckdosen-Adapter (denn Malta hat britische Steckdosen)

Rucksackinhalt:

  • Devisen-Geldbeutel mit Personalausweis, Krankenkassenkarte, Schweizer Franken, Euros
  • Handy
  • Laptop
  • Lesebrille
  • Powerbank
  • Ibuprofen
  • Schmerzsalbe für alle Fälle
  • Kabel
  • Gymnastikhose zum Schlafen
  • Ohrstöpsel
  • Ohrhörer
  • Nudelsalat
  • Banane, Apfel
  • Trinkflasche mit Wasser
  • Reisebesteck
  • Taschenmesser

Umstiege, Anschlüsse und Ausblicke

Plüderhausen – Stuttgart

Metropolexpress 13 – Irritierte Passagiere, weil die Leuchtanzeige hartnäckig während der ganzen Fahrt behauptet, wir würden als Nächstes in Mögglingen halten. Dabei: Wer will schon morgens um 7.07 Uhr nach Mögglingen?
Ich sage der Schaffnerin, ich wolle noch weiter. Statt sich mit schienengebundenen Verkehrsmitteln zu identifizieren, wundert sie sich, dass das überhaupt möglich sei. „Malta? Warum steigen Sie nicht in den Flieger?“

(Wer die kompakte Liste der Teiletappen ohne Erlebnisbericht sucht: https://erlebbarmacherei.de/malta/)

Stuttgart – Mannheim


Eine junge Frau gibt während der ICE-Fahrt, die für mich um 07:49 Uhr im Stuttgarter Hauptbahnhof beginnt und um 08:26 Uhr in Mannheim endet, mit quietschender Stimme über den Bordlautsprecher bekannt: „Ich fahre nach Düsseldorf zum JGA – kommt in Wagen 7 und feiert mit mir!“ Diejenigen, die sich nicht von selbst auf den Weg zu Wagen 7 machen, werden von einer Junggesellin mit rosa Tüllröckchen und einem Patronengurt voller Schnapsflaschen aufgesucht. Ich verzichte. Ich verzichte sogar gerne auf die Ehe.

Mannheim – Basel

Abfahrt 08:37 Uhr am Mannheimer Hbf, Ankunft 10:48 Uhr Basel SBB: In Mannheim sind an gegenüberliegenden Bahnsteigen gleich zwei ICEs nach Basel angekündigt – einer mit 55 Minuten Verspätung. Meiner ist pünktlich.

Ich finde einen Platz und frage mich, ob die erste Klasse ausverkauft ist, denn der neben mir telefonierende Mann, offenbar Student in München, wirkt fehlplatziert in der zweiten. Er ist unterwegs nach Baden-Baden, wo sein Vater ihn abholen wird; die Familie fährt weiter nach Crans Montana in den Skiurlaub. Besorgt erzählt er seinem Gesprächspartner, sein Körper könne mit den Temperaturschwankungen nicht umgehen. Gestern erst sei er aus Lissabon zurückgekommen – das er, sein Weltwissen nutzend, als Mischung aus San Francisco und Nizza beschreibt. Er berichtet von einem Kumpel, dessen Vater ihn kürzlich mit dem Flugzeug nach Madrid gebracht habe, und von einer geplanten Weinreise an die Mosel, für die ein Mitstudent seinen Oldtimer aus dem Saarland organisieren wolle. Er erinnert mich an Instagram-Reels von Maximilian Lorenz.

Basel – Lugano

Um 11:04 Uhr verlässt der gut gefüllte IC der SBB Basel. Bis zum ersten Halt ist der interessanteste Anblick ein Fahrgast in einem orangefarbenen Plüsch-Molchkostüm. Ist das eine verspätete der ohnehin in der Schweiz verspäteten Fachingsveranstaltungen? Ein Junggesellenabschied? Seine Freunde, Bierdosen in der Hand, philosophieren über die grün-lila Zacken am Schwanz des Molchs und lachen über Witze, deren Unverständlichkeit dank des Dialekts ganz angenehm ist.

Dann zeigt die Schweiz mit weißen Zacken am Zugersee ihre Schönheit: Felsen, Schnee und Sonnenschein. Ich fotografiere aus dem Fenster. Bellinzona. Blauer Himmel, bunte Häuser an grünen Hängen.

Lugano – Mailand

In Lugano komme ich um 13.58 Uhr in einem modernen, hellen Bahnhof an und habe ich mir ein Puffer eingebaut, weil hier die Gültigkeit meines mit Bahnbonuspunkten bezahlten Europa-Spezial-Ticket endet. Ich hatte beim Buchen Sorge gehabt, dass mein Anschlussticket von Trenitalia seine Gültigkeit verloren hätte, wenn ich zu spät in Lugano angekommen wäre.

Ich habe eineinhalb Stunden bis 15.30 Uhr,  um mich auf der Treppe vor dem Bahnhof zu sonnen, von der man hinuntersehen kann auf den Ort und den See. Treppen führen auch ganz hinunter, aber ich will sie mit Gepäck nicht gehen. Ich sitze ruhig da, wie eine Eidechse in der Märzensonne, mache Handyfasten, nicht wegen der Karwoche, sondern wegen der Schweizerischen Mobilfunktarife. Dann über den Comer See nach Mailand in einen gigantischen Bahnhof mit guter Pizza.

Mailand – Rom

In Mailand Aufenthalt bis 18.40 Uhr. Abendessenzeit. Dann rasante Reise durch Italien: Bologna, Florenz, 247 km/h.

Nachricht von daheim. Die spanischen Studentinnen, denen ich für eine Stunde Gartenarbeit pro Tag meine Wohnung überlassen habe, fragen nach Speiseöl. Die Öle im Kühlschrank sind für Salate, die in der Schublade sind erhitzbar.

Rom – Augusta?

In Rom beginnt die Zugfahrt um 23 Uhr. Ich habe eine Liege im 4-Bett-Damenabteil gebucht. Zwei nette Damen steigen mit ein. Ein Herr, der falsch eingebucht wurde, würde gerne. Keiner im Abteil hätte etwas dagegen, aber der Schaffner gestikuliert und erklärt wortreich, warum das nicht ginge und bringt uns Wasser, eine Schlafbrille und Feuchttücher.

Eine meiner Abteilgenossinnen war in ihrem Berufsleben Übersetzerin, spricht perfekt Deutsch, die andere ist aber mitteilsamer. Ich würde gerne schlafen, aber ich kann nicht umhin mir die Fotos von einer Uniabschlussfeier ihres Sohnes anzusehen und den Lorbeerkranz auf seinem Haupt zu bewundern. Ist kleidsamer als diese amerikanischen Doktorhüte. Die Damen unterhalten sich weiter, aber ihr temperamentvolles Reden verstehe ich nicht. Wenn ich etwas nicht verstehe, konzentriere ich mich nicht darauf, und wenn ich mich nicht konzentrieren muss, wird Sprache zu Musik und ich schlafe.

Als die Waggons ruckeln und auf die Fähre verladen werden schaue ich raus. Hafengebiet. Und als wir über die Straße von Messina schwimmen in einem Metallkasten auf einem Metallkasten, mache ich mir für einen kurzen Moment Gedanken, wie man sich retten könnte, wenn das Schiff sänke, dann frage ich mich für einen etwas längeren Moment, ob ich die Morgensonne an der Reling genießen will, entscheide aber liegenzubleiben und schlafe unterbrochen bis etwa 9 Uhr, wobei man die Zeitumstellung einrechnen muss.

Wir bekommen morgens heißen Kaffee, ein Gebäck mit cremiger Füllung und einen Saft und auch alle Sizilianerinnen und Sizilianer blicken fasziniert aus dem Fenster, als wir am schneebedeckten Ätna vorbeifahren, davor leuchten die Orangen.

Zugfahren ist mehr als Ökoaktivismus. Es ist zwar umweltverträgliche Mobilität, aber es ist auch eine Lust am Erleben. Unterwegssein ist keine Zeitverschwendung, es ist intensive Zeitverwendung. Zugfahren ist wie Fernsehen, nur echter: Gewürzkassien strahlen gelb. Feigenkakteen spitzen ihre rundlichen Ohren. Flamingos stehen knietief im Wasser.

Oh, nein! Syrakus!

Die Übersetzerin bittet mich darum, meinen Lippenstift mitverwenden zu dürfen. Sie habe ihren vergessen. Ich reiche ihr Stift und Spiegel. Mir fällt es leichter mit fremden Menschen einen Lippenstift zu teilen als mit Freunden in den Urlaub zu fahren. Klingt absurd?

Ab Catania bin ich alleine im Abteil. Der Zug hält nicht in Augusta – warum auch immer. Ich hatte dort ein Zimmer gebucht, aber statt mich zu ärgern, akzeptiere ich die Änderung. Nervenschonender so.

Pause in Syrakus

Um 11.45 Uhr komme ich in Syrakus an und schon um 11.55 Uhr befinde ich mich in einem gemütlichen Zimmer für 38 Euro inklusive Frühstück, genau dem Bahnhof gegenüber. Das erspart morgen früh einigen Stress. Ich habe die Puffernacht eingebaut, falls es unterwegs eine Verspätung gegeben hätte. Die Fähre wartet nicht.

Syrakus gefällt mir. Die Kathedrale Santa Maria delle Colonne (Dom von Syrakus) steht auf dem höchsten Punkt der über Brücken mit dem Festland verbundenen Insel Ortigia. Sie ist architektonisch total verrückt!

Die Kirche wurde im 7.  Jahrhundert aus einem griechischen Tempel für die Göttin Athene umgebaut, dem größten griechischen Tempel Siziliens. Im Inneren sind noch die originalen Säulen der Tempelwände sichtbar, außen sind die dorischen Kapitelle schon rund abgeschliffen. Der Bau vereint architektonisch griechische Säulen und Romanik . Davor hat man eine Barockfassade montiert, die aber gerade eingerüstet ist.

Goethe oder meine Eltern?

Morgens bummle ich nochmal durch Syrakus. Der mediterrane Geruch, die Mischung aus Zweitakter-Abgasen, Meer und rottender Bausubstanz weckt Kindheitserinnerungen. Meine Eltern liebten Italien. Ich erinnere mich an die Mittelstreifen aus blühendem Oleander auf italienischen Autobahnen, die ich vom Rücksitz aus an mit vorbeiziehen sah, an Opuntien, die ich als Kind Ohrenkaktus nannte, und von der wir ein Ohr abschnitten und in Deutschland weiterwachsen ließen.

Ich bin in meinem Leben schon oft nach Osten, Norden, Westen gereist, aber Südeuropa wärmt auf unerklärliche Weise meine Seele. Haben meine Eltern mit dem Ohrenkaktus die Italienbegeisterung in meine Seele gepflanzt? Oder ist Johann Wolfgang von Goethe schuld, der und Deutschen die Reiselust ins Land, wo die Zitronen blühen eingeimpft hat, die sich inzwischen genetisch weitervererbt? Diesmal ist Italien nur Transitland.

Syrakus – Pozzallo

Um 11.11 Uhr fährt der Nahverkehrszug in Syrakus ab. Die Tickets werden beim Einsteigen kontrolliert. Die Schaffnerin steht schon eine halbe Stunde vor Abfahrt bereit. an jedem Unterwegshalt wird per Anzeige bekanntgegeben, dass der Zug pünktlich ist. Keine Ahnung, ob die Anzeige eingeführt wurde, um bei deutschen Reisenden Neid zu wecken. Um 12.14 Uhr erreichen wir pünktlich Pozzallo. Der Bahnsteig ist verblüffend schmal.

Da ich Sorge habe, ob ich es zu Fuß rechtzeitig zum Check-In der Fähre schaffe, habe ich zuvor schon ein Taxi bestellt. Der Preis von 20 Euro zwischen Bahnhof und Hafen ließ sich nicht herunterhandeln. Ich gehe davon aus, dass die Check-In-Zeit um 13 Uhr sich eher auf Autos bezieht. Menschen sind weniger kompliziert zu laden und sollten auch in unter einer Stunde verschifft werden können. Aber ich bin pünktlich.

Fähre Pozzallo – Valetta

Am Hafen wird mein Gepäckwägelchen durchleuchtet und schwupps – verladen auf ein größeres Gepäckwägelchen. Mist. Ich hatte keine Chance die Kamera rauszuholen. Auf einer Metalltreppe klettere ich hinauf in den Fahrgastraum und sitze auf einem roten Kunstleder-Sesselchen mit Blick aus dem Fenster. Ich esse ein Arancino, einen sizilianischen, in Fett ausgebackenen Reisball. Fahren und fasten passt nicht zusammen.

Die Fähre, ein nach dem heiliggesprochenen Papst St. Johannes Paul II benannter Katamaran, ist gläsern wie das Papamobil. Sie wurde in Tasmanien gebaut. Bei Abfahrt ist der Himmel blau. Über Malta hängt eine graue Wolke. Es regnet, als ich aussteige, doch ich bin noch nicht beim Bus, da scheint die Sonne wieder.

Die Busfahrt ist wenig angenehm. Ich sitze rückwärts. Unter der Regenjacke, die ich vergessen habe auszuziehen, dampfe ich. Der Bus steht im Stau. Er wird aber immer leerer. Am Fährhafen Cirkewwa sind wir nur noch zwei Passagiere.

Fähre Cirkewwa – Mgarr

Die Fähre nach Mgarr scheint von Touristen gemieden zu werden. Ihr Cafeteriabereich hat das Flair des Wartebereichs eines Bezirkskrankenhauses. Es scheinen hauptsächlich Pendler unterwegs zu sein.

Zuerst dachte ich, Gozo müsse also fremdenfrei sein. Ein Irrtum, den ich in Mgarr entdeckte: Taxifahrer auf Kundenfang und eine lange Schlange an der Schnellfähre, die Gozo direkt mit Valletta verbindet und ausgebucht ist.

Mgarr – Victoria – Marsalforn

Als ich auf einen Bus nach Victoria warte, erkenne ich: Google Maps kennt Malta nicht. Die Uhrzeiten stimmen nicht. Die Routen stimmen nicht und die Fährzeiten werden beim Routenplaner ignoriert. In Victoria, sagt der google-Routenplaner, habe ich 45 Minuten Aufenthalt. Es gibt aber deutlich regelmäßiger Busse nach Marsalforn. Inzwischen habe ich, wie die anderen Wartenden, die Tallinja-App.

Der Bus 310 kommt neun Minuten verspätet. Eine vermutlich aus England ausgewanderte Hippiefrau, die bei Uhrzeiten pedantischer zu sein scheint als beim Erscheinungsbild, äußert ihren Unmut. Im Bus sitzt sie Alkohol ausdünstend neben mir.

Mein Gästezimmer liegt in einem dreistöckigen Gebäude. Ich suche im Treppenhaus das Licht, bis ich feststelle, dass die Taster mit Klingelsymbol die Beleuchtung anknipsen. Ich stelle mein Gepäck in meinem Zimmer unter und mache mich auf zum Meer. Da ich zu spät dran und auch zu träge bin, um Lebensmittel zu kaufen, gönne ich mir in einem Restaurant mit Meerblick frischkäsegefüllte Ravioli und einem Glas mit 18,75 cl Wein – ein maltesisches Viertele.

Ich bin in Gozo. Es geht ohne zu fliegen. Quod erat demonstrandum. Was zu beweisen war.

Ta’ Cenc – Klippen, Galeerenbucht, Karrenspuren und die drittgrößte freitragende Kuppel (ca. 10 km)

Heute am späten Vormittag des Karfreitags war der Bus 310 von Marsalforn nach Victoria, wo ich in den Bus 305 umsteigen musste gestopft voll. Ich schäme mich in der Regel, wenn mir aufgrund meiner weißen Haare ein Sitzplatz angeboten wird. Doch bei der kurvigen Straße war ich einem freundlichen Somalier in weißem Gewand, darüber eine Pufferjacke, den Gebetsschal um den Hals, dankbar für diese Respektsbekundung.

Ich finde es verblüffend, wie oft man auf Gozo verschiedensten Klischees begegnet: formellen Briten in der Pelerine und mit Tropenhut, britischen Aussteigern, barfuß und mit fröhlich bekleckerten Kindern, den eben beschriebenen Somaliern, Westafrikanern in den obligatorischen Adiletten und mir, die man sicher auch mit geübtem Auge als Deutsche erkennt, weil ich – wie die meisten Deutschen – mit Hochgebirgsrucksack und Outdoorjacke unterwegs bin.

Ta’ Cenc – Klippen

Ich steige an der Haltestelle Ta’ Cenc aus und spaziere mit Blick über die Insel durch karge, aber durch Blumen bunt getüpfelte Vegetation zur Küste. Es windet. Ein kleiner Schauer, sonst bleibt es trocken.

Bis vor Kurzem hatte ich keine Ahnung, dass Gozo existiert, und heute stand ich auf windigen Klippen und dachte: Ja! Genau hier will ich jetzt sein! Die hellen, gelblich gebänderten Kalksteinfelsen fallen ab ins leuchtend blaue Meer. Das Blau am Mittelmeer ist wegen der geringeren Gezeiten immer ein bisschen intensiver als an der Nordsee.

Mġarr ix-Xini

Von den Klippen wandere ich zur Ix-Xini-Bucht. Ein Kieselstrand liegt am Ende eines Fjords, geschützt zwischen steilen Felsen. Taucher und Schwimmer sind im Wasser. Am Eingang des Fjords wacht der von den Malteserrittern im 17. Jahrhundert errichtete Ix-Xini-Wachturm, um zu verhindern, dass die Insel erneut überfallen wird.

Der Name „Mġarr ix-Xini“ bedeutet wörtlich „die Galeerenbucht“. Im Jahr 1551 nutzten türkische Korsaren unter dem Kommando von Dragut Reis die versteckte Bucht. Sie versklavten fast die gesamte Bevölkerung Gozos und verschleppten sie von hier aus nach Tripolis.

Cart Ruts im Olivenhain

Mit spektakulärem Blick in den Canyon erreicht man Xewkija. Dort liegt ein wunderschöner, öffentlicher Olivenhain und in ihm Felsen mit tiefen, parallelen Rillen, deren Ursprung im Dunkeln liegt. Wurde in Malta das Rad erfunden?

Die weltweit ältesten sicher dokumentierten Radspuren wurden in Flintbek bei Kiel in Schleswig-Holstein entdeckt und stammen aus der Zeit um 3400 vor unserer Zeitrechnung. Diese etwa 5400 Jahre alten Spuren eines Rinderkarrens stellen den frühesten Nachweis für die Nutzung von Rädern und Wagen dar. Das Alter konnte per Radiocarbonmethode bestimmt werden. Das ist bei den Karrenspuren auf Gozo nicht möglich. Studien zeigen, dass die Rillen durch zweirädrige Karren mit einer Spurweite von etwa 1,40 Meter verursacht worden sein könnten. Es könnten aber auch Kufen von Transportschlitten gewesen sein. Manche Geologen sagen, die Rillen seien durch natürliche Erosion entstanden.

Und wie bei allem, was wissenschaftlich noch nicht eindeutig erklärbar ist, sind die Parawissenschaftler zur Stelle: Entweder sind die Rillen Landebahnen oder Transportwege für außerirdische Fahrzeuge. Wenn man esoterisch verzückt ist, glaubt man, dass die Rillen „Erdenergie“ leiten oder als „Kraftlinien“ für spirituelle Zwecke genutzt worden sein könnten.

Kirche des Heiligen Johannes des Täufers.

Apropos Spiritualität: Nächstes Highlight heute ist die Kirche von Xewkija, die Kirche des Heiligen Johannes des Täufers. Der kreisförmige Bau ist alles andere als historisch, wurde von 1951 bis 1978 errichtet. 27 Meter Durchmesser, 75 Meter Höhe, 45.000 Tonnen schwer. Die neue Kirche wurde um die alte, 1755 geweihte Pfarrkirche herumgebaut, um den Gottesdienstbetrieb nicht zu unterbrechen. Nach Fertigstellung wurde die alte Kirche abgetragen, und das Interieur blieb. Der Pater erlaubte mir einen Blick in das heute geschlossene, in der Kirche befindliche Museum für die Innenausstattung der alten Kirche inklusive ihrer farbenfrohen Böden.

Ein Aufzug im Skulpturenmuseum führt auf die Kuppel, aber er war geschlossen, weil der Pater zusammen mit Helfern Gipsfiguren, die den Leidensweg Christi darstellten, herumwuchtete. Ich fragte, ob eine Prozession anstehe. Der Pfarrer sagte, die sei schon letzte Woche gewesen. Nun müssten die Leidensfiguren aufgeräumt werden. Schließlich brauche man den Platz. Morgen packe man den Auferstandenen aus.

Unterirdisch pinkeln

Auf dem Kirchplatz ist der Eingang eines Aufzugs ausgeschildert. Wenn schon der Aufzug zur Kuppel geschlossen hat, will ich sehen, wohin der Aufzug führt. An der Tür steht, man solle Geduld haben, der Aufzug sei langsamer als man erwarte. Er kommt. Es geht abwärts. Unten angekommen steht man vor einer unterirdischen, öffentlichen Toilette.

Tat-Tmien Kantunieri-Windmühle

Auf dem Weg zur Windmühle von Xewkija, die am Karfreitag geschlossen hatte, kam ich an der ebenfalls geschlossenen berühmtesten Bäckerei Gozos vorbei, die ihr Mehl anderswo beziehen muss, denn die Tat-Tmien Kantunieri-Windmühle mahlt nicht mehr.

Die Mühle diente über 170 Jahre lang zum Mahlen von Getreide und war bis 1886 in Betrieb. Die Mühle wurde umfassend restauriert und 2021 wiedereröffnet. Eine neue Holzmechanik wurde nach historischem Vorbild angefertigt, die man theoretisch täglich besichtigen kann, außer an Karfreitag. Ein Grund, wiederzukommen!

Direkt an der Windmühle liegt die Bushaltestelle Industrijali. Sie wird von den Linien 301 und 305 bedient.

Von Rabat/Victoria zur Dwejra-Bucht und zur Lagune (8,8 km)

Osterglocken

Heute bin ich um 6:30 Uhr aufgestanden, um den Bus zu erreichen und rechtzeitig zur Osterprozession in Victoria/Rabat zu kommen. Am Zielort angekommen, wartete ich darauf, dass sich das Portal öffnete. Eine Kapelle bereitete sich vor. Zwei Fahnen wurden entrollt. Zwei Jungen standen mit Ohrenschützern in den Glockentürmen. Die Glocken begannen zu läuten – erst mit einzelnen Schlägen, dann schneller. Während des Wartens spürte ich einen freudigen Druck in der Brust. Die einzige Erklärung dafür ist „Ergriffenheit“. Ich bin nicht katholisch, die Rituale sind mir fremd, und doch hat mich die feierliche Stimmung ergriffen.

Dann setzte sich die Prozession langsam in Bewegung, und eine Christusfigur wurde zu Schunkelblasmusik durch die Gassen getragen.

Das fruchtbare Wied il-Lunzjata

Ich setzte meinen Weg abseits der Prozession fort und machte einen Abstecher ins ganzjährig grüne Wied il-Lunzjata, ein Tal mit einer Quelle, einem kleinen Kapellchen und Aushöhlungen im Felsen. Von dort stieg ich die Treppen hinauf nach Ta’ Kerċem.

Ta’ Sarraflu-Teich

Eine Fahrstraße folgte ich zum einzigen Binnengewässer Gozos. „See“ wäre übertrieben – es ist eher ein Tümpel. Schilder weisen darauf hin, dass hier das einzige Amphibium Gozos lebt: der streng geschützte Buntfrosch. Ich hörte ihn quaken, bewunderte schwimmende Schildkröten und drei Enten und wunderte mich über die Beliebtheit des winzigen Gewässers, das vermutlich viele Einheimische anzieht. Neben dem Tümpel befindet sich ein riesiger, schön angelegter Picknickpark.

Fungus Rock ohne Pilze

Ich begab mich auf den mit roten Punkten markierten Küstenweg, der anfangs breit und eben verläuft – etwa bis zu den beeindruckenden Sandsteinwänden, die wie Wellen geformt sind. In ihrem Schatten machte ich eine Pause und genoss die Sicht auf die felsige Küstenlinie. Doch dann ging es über steile, stufige Passagen zum Blue Hole, einer leuchtend blauen Meeresbucht, der der Fungus Rock, ein Kliff mit Loch, vorgelagert ist.

Der Felsen ist nicht pilzförmig. Auf ihm wachsen jedoch Malteserschwämme – seltene, rötlichbraune Pflanzen ohne Chlorophyll, die als Schmarotzer leben. Sie werden etwa 15 bis 30 cm groß und sind phallisch geformt. Ich habe keine gesehen und weiß nicht, ob sie dort noch wachsen. Früher wurden sie von den Maltesern auf dem Felsen in großer Zahl angebaut. Eine Seilbahn transportierte die Pflanzen ans Ufer, wo sie vor blumenpflückenden Spaziergängern sicher waren.

Hübsch sind sie nicht, doch dass sie aufgrund ihrer Form als Aphrodisiakum teuer gehandelt und im 17. und 18. Jahrhundert an europäische Fürstenhäuser verkauft wurden, überrascht nicht. Auch blutstillende und wundheilende Eigenschaften werden dem Blütensaft nachgesagt, doch eine medizinische Wirksamkeit wurde nie nachgewiesen.

Dwejra

Vom Blue Hole nach Dwejra, einer mit dem Meer durch einen Durchlass verbundenen Salzwasserlagune, musste ich ordentlich klettern.

Als ich die Kuppe erreichte, war es mit der Einsamkeit vorbei. Auf dem Parkplatz außerhalb des Trubels aß ich unter einem Sonnenschirm mit tollem Blick auf den Fungus Rock frittierte Calamares und Garnelen.

Dann arbeitete ich mich zwischen Quads, Enduros, Hop-on-Hop-off-Bussen, Autos jeden Baujahrs und Imbisswagen zur Lagune vor. Der Ort ist idyllisch: Bootsgaragen mit bunten Toren stehen am felsigen Ufer des Wasserbeckens. Kirmesstimmung, Toilettenschlangen und eine gut besuchte Kapelle prägen den Platz.

Ich ergatterte ein schattiges Plätzchen unter dem Vordach eines geschlossenen Souvenirladens. Auch im Schatten wurde es eng. Der Bus an der Haltestelle Dwejra verkehrt an Feiertagen nur stündlich – und war voll, übervoll.

Von Rabat/Victoria zur Christusstatue und nach Marsalforn (6,5 km)

Fäden und Draht

Die Kunsthandwerkerin Alda Bugeja hält alte gozitanische Handwerkstraditionen am Leben. Vom Busbahnhof in Rabat/Victoria aus erreicht man ihren Laden in wenigen Minuten. Er liegt in einem der schmalen Altstadtgässchen, Adresse: 88 Triq Palma.

Drei Webstühle stehen in der engen Werkstatt. Als ich vorbeikomme, fertigt ein Junge gerade Mitbringsel für seine Firmung aus Makramee. Eine Frau bucht einen Workshop im Teppichweben. Ich entscheide mich für filigrane Drahtblumen – dazu wird es einen separaten Bericht geben, sobald ich in die Technik eingewiesen wurde.

St.-Georgs-Basilika

In der St.-Georgs-Basilika nehme ich ungeplant an einer Messe teil. Eigentlich wollte ich nur das Kameraobjektiv wechseln, als ich mich hinsetzte. Doch dann begann die Liturgie. Um nicht zu stören, blieb ich.

Da ich die Sprache nicht verstehe, konzentrierte ich mich auf den Klang – und hörte den Namen „Alla“. Im Maltesischen heißt Gott „Alla“, auch für Christen. Der Begriff stammt direkt aus dem arabischen „Allāh“ (الله), da Maltesisch eine semitische Sprache mit starkem arabischem Einfluss ist. Während der Messe wird einem durch die Sprache bewusst, wie eng die gemeinsamen Wurzeln der drei monotheistischen Religionen sind.

Wer die Messe nicht besuchen möchte, sollte die Kirche erst ab 11 Uhr betreten – dann werden zwar drei Euro Eintritt verlangt, aber der Besuch lohnt sich. Die Basilika ist beeindruckend: viel barockes Gold und im Boden Steinintarsien. Verschiedenfarbige Steine wurden so eingelassen, dass sie als Grabplatten flache Muster bilden. Die Steine sind glatt geschliffen und liegen bündig mit der Oberfläche.

Zitadelle

Anschließend mischte ich mich unter Hunderte von Touristen und besichtigte die Zitadelle über der Stadt mit dem alten Gefängnis. Das Archäologische Museum wird bald umziehen. Die Kathedrale und das dazugehörige Museum fesselten mich weniger – obwohl es dort bischöfliche Gewänder, Papstmemorabilien, Kirchenschmuck und sogar die Kutsche des ersten Bischofs von Gozo zu sehen gibt.

Der Hinterausgang der Zitadelle führt an den Toiletten vorbei durch einen Gang ins Freie – in einen wunderschön angelegten Garten, den kaum ein Besucher zu bemerken scheint.

Nur eine Straße weiter beginnt ein befahrbarer Weg, der durch eine Trampelpfadpassage am Wied ta’ Grezzju entlangführt. Buntfrösche quaken, üppige Kapuzinerkresse in Gelb und Orangerot wuchert über die Fahrbahn, wilde Orchideen säumen den Weg.

Hofladen Ta’ Mena

Unterwegs kaufte ich im Hofladen Ta’ Mena selbstgemachte Kaktusfeigen- und Kamillenmarmelade, Johannisbrotbaumsirup, Kapernpaste und Pistaziensalami. Doch der Laden wird bald verschwinden – er muss der neuen Straße weichen. Die Besitzerin erzählt, sie wolle aufhören. Sie habe den Tod ihres Mannes und ihrer Schwester erlebt, ihre Tochter habe eine andere Arbeit gefunden. Mit 66 arbeite sie nun allein, jeden Tag, und die Farm, wie sie sie geplant hätten, sei noch nicht einmal fertig. Es fehlen sogar die Toiletten.

Als ich gehe, schließt sie die Tür. Sie müsse heute früher aufhören, sagt sie, der Pfarrer komme, um das Haus zu segnen. Sie werde weggehen, sie könne nicht mehr. Ihre Stimme klingt traurig, und sie schenkt mir eine Pistaziensalami und zusätzliche Marmeladen – ein Ausverkauf eines köstlichen Lebenstraums.

Ta’ Salvatur

Nicht nur das Haus, auch die Wanderin und der Wanderer werden gesegnet.

Den letzten Abschnitt des Weges gehe ich unter den Augen des „Erlösers von Ta’ Salvatur“. Die erste Statue, 1906 aufgestellt, war nicht wetterfest, die nächste wurde vom Blitz getroffen. Die heutige hat einen Blitzableiter und hält der Witterung bisher stand.

Der Weg führt nach Marsalforn. Dort halten die Busse 310 und 322.

Felsenfenster und Frömmigkeit (9 km)

Von Marsalforn aus kommt man zuerst an einer der üblichen Instagram-Locations vorbei: Ein Schild mit einem Herzen und dem Ortsnamen, mit dem Besucher ihre Liebe zu diesem Dörfchen ausdrücken können, sowie eine Hollywoodschaukel mit Meerblick. Es folgt ein schön angelegter Park mit Picknicktischen und sogar ein Spielplatz mit einer Rollstuhlschaukel.

Gefallen hat mir unterwegs an einem Wohngebäude ein Vorhang aus den Deckeln von Getränkeflaschen: Farbenfrohes Upcycling! Ob ich mir das nachbasteln soll für meine Bürotüre in den Garten?

Dann führt der Weg am Meer entlang, recht eben, mit Blick auf die Salzpfannen in Xwejni.

Wann ist Erntezeit in den Salzpfannen?

Als ich heute an den in das Küstengestein gehauenen Salzpfannen vorbeikam, war es stürmisch. Schauer wechselten mit Sonne ab. Gischt der sich brechenden Wellen schwappte über die an manchen Stellen regelmäßig wie Gräber angelegten Vertiefungen. Die ältesten sollen aus der Zeit der Römer stammen.

Die neue Ernte wird erst bei anhaltendem Sonnenschein erwartet. Im Sommer, bei ruhigerem Wasser, wird das Meerwasser zuerst in Becken gesammelt, in denen sich der Schmutz absetzen kann und dann in die Vertiefungen gepumpt. 3% Salzgehalt hat das Mittelmeer. Bei dem momentanen Wetter kann man sich kaum vorstellen, dass das Wasser nach sieben Tagen in einer der flachen Mulden verdunstet ist und man das Salz aus den Pfannen kehren kann und zum Nachtrocknen auf Podeste häufelt.

Verblüffend, dass die Salzgewinnung als Landwirtschaft gilt. Auf Schildern wird gebeten, die privaten landwirtschaftlich genutzten und kulturell wertvollen Felder nicht zu betreten und nicht zu vermüllen.

Schmeckts?

Ich hätte gerne das Salz verkostet. Auf der dem Meer abgewandten Seite des Küstenwegs, über den heute Wellen schwappen, sind blaue Türen in den Stein gehauen, zu denen Treppen führen, hier befinden sich die Lager- und Verkaufsräume. Das Salz wird direkt vor Ort in Säckchen abgefüllt und vertrieben. Die Lädchen haben aber noch zu. Mineralhaltig soll das Meersalz sein, mehr Kalzium enthalten als das Steinsalz oder Kochsalz.

Ich habe in Marsalforn erfahren, dass der bisherige Salzbauer letzte Woche verstorben sei, seine Tochter aber das Gewerbe weiter betreiben wolle, eine anstrengende die Arbeit in der prallen Sonne. Hier der Link zu den Salzbauern: xwejnisaltpans.com

Das Felsenfenster it-Tieqa ta’ Wied il-Mielaħ.

Auf einem landwirtschaftlichen Weg erreicht man das neue Azur Window, das it-Tieqa ta’ Wied il-Mielaħ. Es ist nicht das, was man sich unter einem „neuen Fenster“ vorstellt. Vermutlich hat es bereits einige Jahrtausende auf dem Buckel. Ganz sicher ist es im Wortsinne steinalt. Doch zuvor hat ihm ein anderer Kalksteinbogen die Show gestohlen: Dieser kippte 2017 bei einem Orkan ins Meer und beraubte Gozo damit seiner beliebtesten Sehenswürdigkeit. Also musste ein anderer Kalksteinbogen touristisch erschlossen werden.

Ein 570.000 Euro teures, EU-gefördertes Projekt hat die Abwasserleitung umgeleitet, die Straße erneuert und die Treppe für Taucher erweitert, um den Zugang zum Wasser zu verbessern. Dennoch: Zumindest heute hielt sich der Ansturm in Grenzen. Außer einem Parkplatz gibt es keine touristische Infrastruktur – und man muss keine Touristen beiseiteschieben, um einen Blick durchs Fenster aufs Meer zu werfen.

Leuchtturm Ta’ Ġurdan

Keine Sorge: Der nächste Eiswagen ist trotzdem nicht weit. Allerdings muss man bergan mit Blick auf den Leuchtturm Ta’ Ġurdan. In der Nacht sendet er einen weißen Blitz alle 7,5 Sekunden, der aus bis zu 37 km Entfernung zu sehen ist, damit kein Schiff aus Versehen Gozo rammt.

Im Inneren des Turms befindet sich zusätzlich eine Wetterstation, die Daten für die Global Atmosphere Watch erhebt, sowie vor dem Turm eine Radarstation.

Bald kommt das Heiligtum Madonna ta’ Pinu, eine Wallfahrtskirche, in den Blick. Sie ist erst 100 Jahre alt. Die Kirche selbst ist innen an sich nichts Besonderes. Besonders aber sind die zahlreichen Votivgaben in den beiden Seitenkapellen, die Pilger als Zeichen ihrer Dankbarkeit für erhaltene Heilungen oder Erhörungen hinterlassen haben: Neben den üblichen, kleinen, silbernen Ex-Votos in Augen-, Bein- oder Herzform gibt es Korsetts, viele Strampelanzüge, Krücken, eine verbogene Fahrradfelge, Mofahelme, Halskrausen, Gipsverbände und Dankesbriefe.

An der Haltestelle 1891 kann man, gut versorgt von einem Eiswagen, auf den Bus 308 nach Victoria/Rabat warten.

Von Joe Xuerebs Atelier zur Qorrot-Bucht (8,2 km)

Galerie von Joe Xuereb in Ghajnsielem

Die gozetanischen, kurvigen Göttinnen aus Kalkstein aus dem Neolithikum gefallen mir sehr. Es gibt aber auch modernere Versionen.

Ich rate dazu, den Künstler Joe Xuereb zu besuchen. Er lebt in Ghajnsielem. So heißt auch die Bushaltestelle der Linien 301, 302, 321 uns 322 , von der aus man zu ihm gelangt. Joe Xuerebs Vater war Steinhauer, bearbeitete Steine auf Baustellen. Er selbst hat sich die Steinbearbeitung selbst beigebracht und arbeitet mit den traditionellen Werkzeugen Gozos, die teilweise nicht einmal auf Malta bekannt sind. Seine Statuen stehen in aller Welt.

Ich finde es wundervoll, wie glatt der Stein sich anfühlt! Man möchte die rundlichen Figuren mit ihren fließenden Formen streicheln – und das darf man auch in der kleinen Galerie. Wenn die Türe zu ist: Einfach klingeln!

Von der Galerie sind es nur ein paar Schritte zur Pfarrkirche von Ghajnsielem. Die Kirche liegt an der Pjazza Madonna Ta‘ Loreto und bietet vom Vorplatz aus einen herrlichen Panoramablick auf die Nachbarinsel Comino sowie die Hauptinsel Malta.

Bäckerei in Il Quala

Auf einer wenig befahrenen Straße geht es nach Il-Quala. Vor der Türe eines niedrigen Häuschens in der Gasse Triq in-Nadur stapeln sich Kartons und Holzreste. Das ist keine Müllhalde. Das ist eine traditionelle Bäckerei, in der alles als Brennmaterial für den Holzofen verwendet wird, was in der Nachbarschaft anfällt. Ich schiebe den Fliegenvorhang zu Seite und frage: Ist das hier die Bäckerei?

Der Innenraum ist dunkel und fensterlos. Ein älterer Herr sitzt in seiner Mitte. Aus einem anderen Raum kommt die ebenfalls betagte Bäckerei. Ich kaufe unheimlich leckere Sesamkringel mit Fenchel- und Honiggeschmack vom Blech. Sie sind noch warm. 20 Cent kostet das Stück.

Qorrot-Bucht

Der befestigte, steile Triq Għajn Ħaġar führt Richtung Meer auf den Küstenpfad. Und der wiederum bringt mich zur Qorrot-Bucht mit in den Fels gehauenen Bootshäusern mit bunten Toren. Der Strand ist klein, aber gemütlich. Es gibt außer einem Toilettenhäuschen keine Infrastruktur. Ein wunderschöner Platz, um zu baden.

Die Bucht ist nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Man muss der wenig befahrenen Fahrstraße hinauf bis zur Haltestelle Il Qorrot folgen.

Xagħra – Ġgantija-Tempel und Xerri-Grotte

Der Aufstieg

Der heutige Weg beginnt im Zentrum von Marsalforn, das mit dem Bus 310 und dem Bus 322 zu erreichen ist, und folgt dem Wied ta’ Grezzju, einem nur gelegentlich Wasser führenden Bach. Es duftet nach blühenden Orangen. Auf Gozo gibt es kaum permanente Flüsse oder Seen, da das Wasser im porösen Kalksteinuntergrund versickert. Die Insel besteht im Wesentlichen aus Kalkgestein, das Regenwasser schnell aufnimmt.

Ich habe größtenteils Wege und Pfade ausgewählt, die kaum oder gar nicht befahren werden, auch wenn das mehr Abstiege und Aufstiege bedeutet. Die Wege sind teils steil, aber gut befestigt.

Tropfsteine in der Xerri-Grotte

Oben in Ix-Xagħra angekommen, betrete ich einen Eingang, über dem ein gelbes Schild angebracht ist. Er wirkt, als führe er in ein Wohnhaus: Eine weiße Sitzbank, gefliester Boden, eine Glastür und ein Schild, das die Grotte als geöffnet ausweist. Ich drücke auf die Türklingel. Eine junge Frau kommt mit dem Schlüssel. Ich entrichte drei Euro und frage, wie man den Namen Xerri ausspricht – er klingt wie Cherry, wie Kirsche. Ich steige eine schmale Wendeltreppe hinab, die den Durchmesser eines Brunnenschachts hat.

Ihr Opa habe vor etwa 100 Jahren diese Tropfsteinhöhle entdeckt, sagt meine Führerin und weist mich auf Stalaktiten und Stalagmiten hin, denen sie teilweise Namen für ihre Formen gegeben hat. Wir erreichen die Stelle, an der ihr Opa tatsächlich auf Wasser stieß.

Ein Zeichen des Himmels

An der Erdoberfläche zurück gönne ich mir ein Kinnie, eine Bitterorangenlimonade. Leute in den Restaurants auf dem Kirchplatz zeigen aufgeregt nach oben zur Sonne. Ich sehe einen Ring in sanften Regenbogenfarben, der sich als Heiligenschein um die Sonne gelegt hat.

Das habe ich noch nie gesehen. Ich recherchiere. Es war ein Halo und lerne: Ein Halo entsteht, wenn Sonnenlicht durch Eiskristalle in hohen Wolken (meist Cirruswolken) gebrochen und reflektiert wird. Diese Eiskristalle wirken wie kleine Prismen und erzeugen einen kreisförmigen Lichtring um die Sonne, der oft wie ein farbloser Regenbogen aussieht. Zum Glück habe ich eine Sonnenbrille auf. Aber auch mit ihr bin ich von der Erscheinung geblendet!

Ġgantija-Tempel

Es sind nur ein paar Schritte bis zum Museum, das den Zugang zum Ġgantija-Tempel bildet. Lange Zeit glaubte man, die ägyptischen Pyramiden seien die ersten großen Steinbauten der Welt gewesen. Doch die Megalithtempel auf Malta sind weitaus älter – sogar älter als Stonehenge. Ġgantija wurde 1980 von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt.

Der Tempel besteht aus riesigen Steinblöcken, die die Erbauer mit vulkanischem Glas und Obsidian aus dem Felsen schnitten, teilweise verzierten und mit runden Löchern versahen. Einzelne Steinquader wiegen bis zu 50 Tonnen – so viel wie 15 übereinander gestapelte SUVs. SUVs gab es im Neolithikum ebensowenig wie Schwertransporter. Die Erbauer rollten die Megalithen auf Steinkugeln zur Baustelle. Einige dieser Kugeln, die an Kanonenkugeln erinnern, liegen noch heute vor der Tempelanlage in Ix-Xagħra. Beide direkt nebeneinanderliegenden Tempel erinnern in ihrer Grundform an ein Kleeblatt.

Die dicken Damen

Im Museum werden winzige Skulpturen ausgestellt, aber auch etwas größere Frauenfiguren, so groß wie eine Orange. Die Skulpturen von Frauenkörpern haben dicke Oberschenkel, Pos und Bäuche. Ob die Schnitzer damit Schwangerschaft und Fruchtbarkeit darstellen wollten oder einfach die Freude am Essen – das bleibt Spekulation.

Zumindest sehen die Frauen eher aus wie Buddhas als wie Verkörperungen heutiger Idealfiguren. Sie sind ideale Vertreterinnen für Body-Positivity.

Der Weg zurück ans Meer führt teilweise über die Fahrstraße, bis es wieder steil auf einem Fußweg hinabgeht entlang von Olivenhainen ins Wied.

Bus – Fähre – Zug: Von Malta nach Hause halb im Schlaf

Bus 322  Marsalforn – Mgarr

Noch einmal in den Bus 322 steigen. Es ist 6.40 Uhr. Ich habe in meinem Ferienzimmer den Müll runtergebracht. Tonnen gibt es nicht. Man stellt das Tütchen mit dem Biomüll auf die Außentreppe und die Müllabfuhr sammelt sie ein. Manche Häuser haben eine Art Kleiderständer, an den die Bewohner ihre Mülltüten hängen. Ich habe den Schlüssel im Schlüsseltresor verstaut, das Nummernschluss verdreht. Dann fahre ich mit Bauarbeitern und anderen verschlafenen Menschen in den Süden. Die Haltestellenansage ist noch aus. Um diese Zeit wissen die Leute, wo sie aussteigen wollen. Ich hätte gerne nochmal die Aussprache der Haltestellen geübt.

Fähre Mgarr – Ċirkewwa

Auch auf der Fähre sind einheimische Gäste um diese Zeit weitgehend unter sich. Sie bestellen Kaffee, lesen, manche haben Frühstück mitgebracht. Es ist trüb, aber nicht nebelig, sondern gelblich-trüb. Saharastaub liegt in der Luft.

Bus 41 Ċirkewwa – Bombi 1

Der Bus ist voll, sehr voll – und er wird immer voller. Fahrgäste rufen nach vorne, man möge die Klimaanlage anschalten. Ich habe einen Sitzplatz. Von Bombi 1 gehe ich zum Fährhafen. Es gibt keine Gepäckaufbewahrung, aber ein Restaurant in der Nähe ist bereit mein Gepäck zu hüten, während ich noch einmal nach Valletta hineinfahre. Valletta ist voll. Stadtführerinnen recken Schirme nach oben. Menschen mit Stöpseln im Ohr gehen hinter ihnen her. Junge Frauen fotografieren sich über der Batterie mit den Kanonen. Lautsprecher machen auf das Angebot am Abfeuern der Kanonen teilzunehmen aufmerksam. Ein als englischer Polizist verkleideter Mann rennt durch die Menge. Er muss wohl eine Kostümführung leiten und ist spät dran. Pseudo-Kreuzritter bieten sich an fotografiert zu werden. Straßenmusiker, Souvenirläden, Touristen-Bähnchen.

Ich fühle mich leicht genervt, was aber vermutlich an dem Nervenproblem meines linken Beines liegt, das sich nicht bewegen lässt. Ich kehre vor der Zeit zum Fährhafen zurück mit Bus 130, der direkt am Fährhafen hält und nur stündlich fährt.

Fähre Valletta – Pozzallo

Ich sitze wieder im Nach Johannes Paul II benannten Katamaran. Ich habe eine Rumkugel gegessen und einen Kaffee getrunken und warte auf die Abfahrt. Mein Bein schmerzt. Und mit Schmerzen kann ich keine Kalorien zählen. Ich muss den störrischen Körper ein bisschen verwöhnen.

In Pozzallo will ich mir den Fußweg sparen. Ich frage die Verkäuferin des kleinen Kiosks auf dem Schiff, ob es einen preiswerten Weg von der Fähre ins Zentrum gibt. Sie organisiert ein Taxi für mich, das 5 Euro kostet. Auf dem Hinweg habe ich vom Bahnhof in Pozzallo zur Fähre 20 bezahlt. Mir war klar, dass das überteuert ist, konnte mich aber nicht wehren.

Pozzallo

Durch den Versuch mein Bein zu schonen, habe ich in Pozzallo wenig gesehen, stattdessen aber an den Outdoor-Escape-Touren Stuttgart gearbeitet.

In Malta war ich sparsam, habe fast immer selbst gekocht. Aber am Abschieds-Abend auf Sizilien habe ich mir einen Teller voll frischem Fisch in einer Trattoria mit Blick aufs Meer gegönnt – und zum Abschiedsfrühstück ein köstliches Brioche.

Zugfahrt Pozzallo, Umstieg in Syrakus, Nachtzug bis Bologna

Kann man gleichzeitig zugfahren und schwimmen? Ja! Und zwar über die Straße von Messina. Der Zug wird geteilt, auf eine Fähre gezogen. Man darf aussteigen. Statt Bahnsteig stehen Höckerchen bereit. Eine Etage über den Zügen gibt es einen Bartresen mit Kaffeemaschine und entsetzlich fettigen Snacks, und Holzsitze, die an die Bestuhlung einer Schulaula erinnern. Ich entscheide mich aufs Sonnendeck zu stellen und genieße den Wind und leichten Nieselregen aus hellgrauen Wolken, die sich mit dem schwarzen Ruß aus den Schiffskaminen mischen, bis eine Durchsage und resolute Begleiter die Passagiere wieder in ihre Züge schicken.

Ich mag es, auf dem Meer unterwegs zu sein, aber es riecht nicht mehr ausschließlich nach Sehnsucht und Ferien wie früher. Gerade gestern, im Wellengang, hielt ich nach Booten Ausschau und fürchte, am Strand auf angeschwemmte Leichen von Geflüchteten zu stoßen. Ich denke an alle, die ich kenne, die über dieses Meer nach Europa gekommen sind und die, die ich nicht kenne und die niemand kennt, weil sie unterwegs gekentert sind. Der Blick aufs Meer ist auch ein Blick auf einen Ort des Unglücks und Todes geworden.

Mein Viererabteil füllt sich. Erst war ich allein, dann stieg in Catania eine ältere Dame zu und auf dem Festland eine Geigerin, die mit Duolingo Deutsch übt: „Die Praktikantin ist eine große Hilfe.“ „Der Schreibtisch ist zu klein.“

bGut aufgewacht

In der Nacht wache ich nur kurz auf, als jemand ins Bett über mir klettert: Eine Juristin aus Venezuela, die in Italien als Spanischlehrerin arbeitet. Nicht, dass wir jetzt alle nachts viel gesprochen hätten. Wir haben alle geschlafen. Ich bin überzeugt davon, dass der öffentliche Verkehr ein ganz wichtiger Faktor sozialer Interaktion ist. Wenn Menschen mit dem Auto zur Arbeit, mit der Auto in den Urlaub fahren, was formt dann ihre Vorstellung von Gesellschaft außerhalb ihrer Familie, ihrer Arbeitsstelle oder ihres Vereins? Zugbegegnungen sind flüchtig und doch immer interessant.

In Bologna treffe ich auf dem Bahnsteig den hessischen Bildhauer wieder, der in Sizilien als Restaurator arbeitet und in der Heimat seine Eltern besuchen wird.

Mit der ÖBB von Bologna nach München

Die Alpen! Ich starre stundenlang aus dem Fenster.

Willkommen bei der Deutschen Bahn.

In München steige ich in einen ICE Richtung Stuttgart, stecke das fast leere Handy an einer Steckdose ein, verstaue mein Gepäck und mache mich auf zum Speisewagen. Ich habe seit dem Fettgebackenen auf der Straße von Messina nichts gegessen.

Ich bestelle ein Angebot mit dem Namen: „Pizza Mozza-Bella Deluxe“ und eine Limonade, da kommt eine Zugbegleiterin und sagt den Restaurantmitarbeitern, sie könnten gleich wieder zusperren, der Zug fahre nicht. Also raus auf den Bahnsteig und eine Pommes vor der Bahnhofshalle verschlungen. Nicht „deluxe“ aber okay.

Nächster Versuch. Ein neuer ICE. Kaum bin ich drin, kommt die Durchsage: „Bitte steigen Sie noch einmal aus. Wir wissen noch nicht, wohin dieser Zug fährt.“ Verwirrte Fahrgäste, denen ich versuche auf Englisch zu erklären, dass bisher das Ziel des Zuges nicht feststeht. Raus. Die Anzeige erscheint: Hamburg über Stuttgart. Wieder rein. Voll ist es! Aber ich habe einen Sitzplatz neben einer sehr netten jungen Frau namens Ulrike, mit der ich mich bis Stuttgart angeregt unterhalte. Sie hatte gestern ihren letzten Arbeitstag, hat gekündigt und wird zu ihrem Freund nach Israel ziehen. Diese kleinen Einblicke in ein Leben: Ich liebe sie.

Stuttgart-Plüderhausen

Fahrt von Stuttgart nach Plüderhausen ohne Vorkommnisse. Stefano holt mich vom Bahnhof ab. Mohamed schließt mir auf. Die spanischen Studentinnen, die sich in meiner Abwesenheit um den Garten gekümmert haben, haben eine Karte auf dem Tisch zurückgelassen. Ich habe nur einen Wunsch: Duschen!

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