Auf in den Süden- Zug für Zug!

Umstiege, Anschlüsse und Ausblicke

Plüderhausen – Stuttgart

Metropolexpress 13 – Irritierte Passagiere, weil die Leuchtanzeige hartnäckig während der ganzen Fahrt behauptet, wir würden als Nächstes in Mögglingen halten. Dabei: Wer will schon morgens um 7.07 Uhr nach Mögglingen?
Ich sage der Schaffnerin, ich wolle noch weiter. Statt sich mit schienengebundenen Verkehrsmitteln zu identifizieren, wundert sie sich, dass das überhaupt möglich sei. „Malta? Warum steigen Sie nicht in den Flieger?“

(Wer die kompakte Liste der Teiletappen ohne Erlebnisbericht sucht: https://erlebbarmacherei.de/malta/)

Stuttgart – Mannheim


Eine junge Frau gibt während der ICE-Fahrt, die für mich um 07:49 Uhr im Stuttgarter Hauptbahnhof beginnt und um 08:26 Uhr in Mannheim endet, mit quietschender Stimme über den Bordlautsprecher bekannt: „Ich fahre nach Düsseldorf zum JGA – kommt in Wagen 7 und feiert mit mir!“ Diejenigen, die sich nicht von selbst auf den Weg zu Wagen 7 machen, werden von einer Junggesellin mit rosa Tüllröckchen und einem Patronengurt voller Schnapsflaschen aufgesucht. Ich verzichte. Ich verzichte sogar gerne auf die Ehe.

Mannheim – Basel

Abfahrt 08:37 Uhr am Mannheimer Hbf, Ankunft 10:48 Uhr Basel SBB: In Mannheim sind an gegenüberliegenden Bahnsteigen gleich zwei ICEs nach Basel angekündigt – einer mit 55 Minuten Verspätung. Meiner ist pünktlich.

Ich finde einen Platz und frage mich, ob die erste Klasse ausverkauft ist, denn der neben mir telefonierende Mann, offenbar Student in München, wirkt fehlplatziert in der zweiten. Er ist unterwegs nach Baden-Baden, wo sein Vater ihn abholen wird; die Familie fährt weiter nach Crans Montana in den Skiurlaub. Besorgt erzählt er seinem Gesprächspartner, sein Körper könne mit den Temperaturschwankungen nicht umgehen. Gestern erst sei er aus Lissabon zurückgekommen – das er, sein Weltwissen nutzend, als Mischung aus San Francisco und Nizza beschreibt. Er berichtet von einem Kumpel, dessen Vater ihn kürzlich mit dem Flugzeug nach Madrid gebracht habe, und von einer geplanten Weinreise an die Mosel, für die ein Mitstudent seinen Oldtimer aus dem Saarland organisieren wolle. Er erinnert mich an Instagram-Reels von Maximilian Lorenz.

Basel – Lugano

Um 11:04 Uhr verlässt der gut gefüllte IC der SBB Basel. Bis zum ersten Halt ist der interessanteste Anblick ein Fahrgast in einem orangefarbenen Plüsch-Molchkostüm. Ist das eine verspätete der ohnehin in der Schweiz verspäteten Fachingsveranstaltungen? Ein Junggesellenabschied? Seine Freunde, Bierdosen in der Hand, philosophieren über die grün-lila Zacken am Schwanz des Molchs und lachen über Witze, deren Unverständlichkeit dank des Dialekts ganz angenehm ist.

Dann zeigt die Schweiz mit weißen Zacken am Zugersee ihre Schönheit: Felsen, Schnee und Sonnenschein. Ich fotografiere aus dem Fenster. Bellinzona. Blauer Himmel, bunte Häuser an grünen Hängen.

Lugano – Mailand

In Lugano komme ich um 13.58 Uhr in einem modernen, hellen Bahnhof an und habe ich mir ein Puffer eingebaut, weil hier die Gültigkeit meines mit Bahnbonuspunkten bezahlten Europa-Spezial-Ticket endet. Ich hatte beim Buchen Sorge gehabt, dass mein Anschlussticket von Trenitalia seine Gültigkeit verloren hätte, wenn ich zu spät in Lugano angekommen wäre.

Ich habe eineinhalb Stunden bis 15.30 Uhr,  um mich auf der Treppe vor dem Bahnhof zu sonnen, von der man hinuntersehen kann auf den Ort und den See. Treppen führen auch ganz hinunter, aber ich will sie mit Gepäck nicht gehen. Ich sitze ruhig da, wie eine Eidechse in der Märzensonne, mache Handyfasten, nicht wegen der Karwoche, sondern wegen der Schweizerischen Mobilfunktarife. Dann über den Comer See nach Mailand in einen gigantischen Bahnhof mit guter Pizza.

Mailand – Rom

In Mailand Aufenthalt bis 18.40 Uhr. Abendessenzeit. Dann rasante Reise durch Italien: Bologna, Florenz, 247 km/h.

Nachricht von daheim. Die spanischen Studentinnen, denen ich für eine Stunde Gartenarbeit pro Tag meine Wohnung überlassen habe, fragen nach Speiseöl. Die Öle im Kühlschrank sind für Salate, die in der Schublade sind erhitzbar.

Rom – Augusta? Oh, nein! Syrakus!

In Rom beginnt die Zugfahrt um 23 Uhr. Ich habe eine Liege im 4-Bett-Damenabteil gebucht. Zwei nette Damen steigen mit ein. Ein Herr, der falsch eingebucht wurde, würde gerne. Keiner im Abteil hätte etwas dagegen, aber der Schaffner gestikuliert und erklärt wortreich, warum das nicht ginge und bringt uns Wasser, eine Schlafbrille und Feuchttücher.

Eine meiner Abteilgenossinnen war in ihrem Berufsleben Übersetzerin, spricht perfekt Deutsch, die andere ist aber mitteilsamer. Ich würde gerne schlafen, aber ich kann nicht umhin mir die Fotos von einer Uniabschlussfeier ihres Sohnes anzusehen und den Lorbeerkranz auf seinem Haupt zu bewundern. Ist kleidsamer als diese amerikanischen Doktorhüte. Die Damen unterhalten sich weiter, aber ihr temperamentvolles Reden verstehe ich nicht. Wenn ich etwas nicht verstehe, konzentriere ich mich nicht darauf, und wenn ich mich nicht konzentrieren muss, wird Sprache zu Musik und ich schlafe.

Als die Waggons ruckeln und auf die Fähre verladen werden schaue ich raus. Hafengebiet. Und als wir über die Straße von Messina schwimmen in einem Metallkasten auf einem Metallkasten, mache ich mir für einen kurzen Moment Gedanken, wie man sich retten könnte, wenn das Schiff sänke, dann frage ich mich für einen etwas längeren Moment, ob ich die Morgensonne an der Reling genießen will, entscheide aber liegenzubleiben und schlafe unterbrochen bis etwa 9 Uhr, wobei man die Zeitumstellung einrechnen muss.

Wir bekommen morgens heißen Kaffee, ein Gebäck mit cremiger Füllung und einen Saft und auch alle Sizilianerinnen und Sizilianer blicken fasziniert aus dem Fenster, als wir am schneebedeckten Ätna vorbeifahren, davor leuchten die Orangen.

Zugfahren ist mehr als Ökoaktivismus. Es ist zwar umweltverträgliche Mobilität, aber es ist auch eine Lust am Erleben. Unterwegssein ist keine Zeitverschwendung, es ist intensive Zeitverwendung. Zugfahren ist wie Fernsehen, nur echter: Gewürzkassien strahlen gelb. Feigenkakteen spitzen ihre rundlichen Ohren. Flamingos stehen knietief im Wasser.

Die Übersetzerin bittet mich darum, meinen Lippenstift mitverwenden zu dürfen. Sie habe ihren vergessen. Ich reiche ihr Stift und Spiegel. Mir fällt es leichter mit fremden Menschen einen Lippenstift zu teilen als mit Freunden in den Urlaub zu fahren. Klingt absurd?

Ab Catania bin ich alleine im Abteil. Der Zug hält nicht in Augusta – warum auch immer. Ich hatte dort ein Zimmer gebucht, aber statt mich zu ärgern, akzeptiere ich die Änderung. Nervenschonender so.

Pause in Syrakus

Um 11.45 Uhr komme ich in Syrakus an und schon um 11.55 Uhr befinde ich mich in einem gemütlichen Zimmer für 38 Euro inklusive Frühstück, genau dem Bahnhof gegenüber. Das erspart morgen früh einigen Stress. Ich habe die Puffernacht eingebaut, falls es unterwegs eine Verspätung gegeben hätte. Die Fähre wartet nicht.

Syrakus gefällt mir. Die Kathedrale Santa Maria delle Colonne (Dom von Syrakus) steht auf dem höchsten Punkt der über Brücken mit dem Festland verbundenen Insel Ortigia. Sie ist architektonisch total verrückt!

Die Kirche wurde im 7.  Jahrhundert aus einem griechischen Tempel für die Göttin Athene umgebaut, dem größten griechischen Tempel Siziliens. Im Inneren sind noch die originalen Säulen der Tempelwände sichtbar, außen sind die dorischen Kapitelle schon rund abgeschliffen. Der Bau vereint architektonisch griechische Säulen und Romanik . Davor hat man eine Barockfassade montiert, die aber gerade eingerüstet ist.

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