Der Aufstieg
Der heutige Weg beginnt im Zentrum von Marsalforn, das mit dem Bus 310 und dem Bus 322 zu erreichen ist, und folgt dem Wied ta’ Grezzju, einem nur gelegentlich Wasser führenden Bach. Es duftet nach blühenden Orangen. Auf Gozo gibt es kaum permanente Flüsse oder Seen, da das Wasser im porösen Kalksteinuntergrund versickert. Die Insel besteht im Wesentlichen aus Kalkgestein, das Regenwasser schnell aufnimmt.
Ich habe größtenteils Wege und Pfade ausgewählt, die kaum oder gar nicht befahren werden, auch wenn das mehr Abstiege und Aufstiege bedeutet. Die Wege sind teils steil, aber gut befestigt.



Tropfsteine in der Xerri-Grotte
Oben in Ix-Xagħra angekommen, betrete ich einen Eingang, über dem ein gelbes Schild angebracht ist. Er wirkt, als führe er in ein Wohnhaus: Eine weiße Sitzbank, gefliester Boden, eine Glastür und ein Schild, das die Grotte als geöffnet ausweist. Ich drücke auf die Türklingel. Eine junge Frau kommt mit dem Schlüssel. Ich entrichte drei Euro und frage, wie man den Namen Xerri ausspricht – er klingt wie Cherry, wie Kirsche. Ich steige eine schmale Wendeltreppe hinab, die den Durchmesser eines Brunnenschachts hat.

Ihr Opa habe vor etwa 100 Jahren diese Tropfsteinhöhle entdeckt, sagt meine Führerin und weist mich auf Stalaktiten und Stalagmiten hin, denen sie teilweise Namen für ihre Formen gegeben hat. Wir erreichen die Stelle, an der ihr Opa tatsächlich auf Wasser stieß.
Ein Zeichen des Himmels
An der Erdoberfläche zurück gönne ich mir ein Kinnie, eine Bitterorangenlimonade. Leute in den Restaurants auf dem Kirchplatz zeigen aufgeregt nach oben zur Sonne. Ich sehe einen Ring in sanften Regenbogenfarben, der sich als Heiligenschein um die Sonne gelegt hat.

Das habe ich noch nie gesehen. Ich recherchiere. Es war ein Halo und lerne: Ein Halo entsteht, wenn Sonnenlicht durch Eiskristalle in hohen Wolken (meist Cirruswolken) gebrochen und reflektiert wird. Diese Eiskristalle wirken wie kleine Prismen und erzeugen einen kreisförmigen Lichtring um die Sonne, der oft wie ein farbloser Regenbogen aussieht. Zum Glück habe ich eine Sonnenbrille auf. Aber auch mit ihr bin ich von der Erscheinung geblendet!
Ġgantija-Tempel
Es sind nur ein paar Schritte bis zum Museum, das den Zugang zum Ġgantija-Tempel bildet. Lange Zeit glaubte man, die ägyptischen Pyramiden seien die ersten großen Steinbauten der Welt gewesen. Doch die Megalithtempel auf Malta sind weitaus älter – sogar älter als Stonehenge. Ġgantija wurde 1980 von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt.



Der Tempel besteht aus riesigen Steinblöcken, die die Erbauer mit vulkanischem Glas und Obsidian aus dem Felsen schnitten, teilweise verzierten und mit runden Löchern versahen. Einzelne Steinquader wiegen bis zu 50 Tonnen – so viel wie 15 übereinander gestapelte SUVs. SUVs gab es im Neolithikum ebensowenig wie Schwertransporter. Die Erbauer rollten die Megalithen auf Steinkugeln zur Baustelle. Einige dieser Kugeln, die an Kanonenkugeln erinnern, liegen noch heute vor der Tempelanlage in Ix-Xagħra. Beide direkt nebeneinanderliegenden Tempel erinnern in ihrer Grundform an ein Kleeblatt.
Die dicken Damen
Im Museum werden winzige Skulpturen ausgestellt, aber auch etwas größere Frauenfiguren, so groß wie eine Orange. Die Skulpturen von Frauenkörpern haben dicke Oberschenkel, Pos und Bäuche. Ob die Schnitzer damit Schwangerschaft und Fruchtbarkeit darstellen wollten oder einfach die Freude am Essen – das bleibt Spekulation.

Zumindest sehen die Frauen eher aus wie Buddhas als wie Verkörperungen heutiger Idealfiguren. Sie sind ideale Vertreterinnen für Body-Positivity.
Der Weg zurück ans Meer führt teilweise über die Fahrstraße, bis es wieder steil auf einem Fußweg hinabgeht entlang von Olivenhainen ins Wied.

