Ta’ Cenc – Klippen, Galeerenbucht, Karrenspuren und die drittgrößte freitragende Kuppel (ca. 10 km)

Heute am späten Vormittag des Karfreitags war der Bus 310 von Marsalforn nach Victoria, wo ich in den Bus 305 umsteigen musste gestopft voll. Ich schäme mich in der Regel, wenn mir aufgrund meiner weißen Haare ein Sitzplatz angeboten wird. Doch bei der kurvigen Straße war ich einem freundlichen Somalier in weißem Gewand, darüber eine Pufferjacke, den Gebetsschal um den Hals, dankbar für diese Respektsbekundung.

Ich finde es verblüffend, wie oft man auf Gozo verschiedensten Klischees begegnet: formellen Briten in der Pelerine und mit Tropenhut, britischen Aussteigern, barfuß und mit fröhlich bekleckerten Kindern, den eben beschriebenen Somaliern, Westafrikanern in den obligatorischen Adiletten und mir, die man sicher auch mit geübtem Auge als Deutsche erkennt, weil ich – wie die meisten Deutschen – mit Hochgebirgsrucksack und Outdoorjacke unterwegs bin.

Ta’ Cenc – Klippen

Ich steige an der Haltestelle Ta’ Cenc aus und spaziere mit Blick über die Insel durch karge, aber durch Blumen bunt getüpfelte Vegetation zur Küste. Es windet. Ein kleiner Schauer, sonst bleibt es trocken.

Bis vor Kurzem hatte ich keine Ahnung, dass Gozo existiert, und heute stand ich auf windigen Klippen und dachte: Ja! Genau hier will ich jetzt sein! Die hellen, gelblich gebänderten Kalksteinfelsen fallen ab ins leuchtend blaue Meer. Das Blau am Mittelmeer ist wegen der geringeren Gezeiten immer ein bisschen intensiver als an der Nordsee.

Mġarr ix-Xini

Von den Klippen wandere ich zur Ix-Xini-Bucht. Ein Kieselstrand liegt am Ende eines Fjords, geschützt zwischen steilen Felsen. Taucher und Schwimmer sind im Wasser. Am Eingang des Fjords wacht der von den Malteserrittern im 17. Jahrhundert errichtete Ix-Xini-Wachturm, um zu verhindern, dass die Insel erneut überfallen wird.

Der Name „Mġarr ix-Xini“ bedeutet wörtlich „die Galeerenbucht“. Im Jahr 1551 nutzten türkische Korsaren unter dem Kommando von Dragut Reis die versteckte Bucht. Sie versklavten fast die gesamte Bevölkerung Gozos und verschleppten sie von hier aus nach Tripolis.

Cart Ruts im Olivenhain

Mit spektakulärem Blick in den Canyon erreicht man Xewkija. Dort liegt ein wunderschöner, öffentlicher Olivenhain und in ihm Felsen mit tiefen, parallelen Rillen, deren Ursprung im Dunkeln liegt. Wurde in Malta das Rad erfunden?

Die weltweit ältesten sicher dokumentierten Radspuren wurden in Flintbek bei Kiel in Schleswig-Holstein entdeckt und stammen aus der Zeit um 3400 vor unserer Zeitrechnung. Diese etwa 5400 Jahre alten Spuren eines Rinderkarrens stellen den frühesten Nachweis für die Nutzung von Rädern und Wagen dar. Das Alter konnte per Radiocarbonmethode bestimmt werden. Das ist bei den Karrenspuren auf Gozo nicht möglich. Studien zeigen, dass die Rillen durch zweirädrige Karren mit einer Spurweite von etwa 1,40 Meter verursacht worden sein könnten. Es könnten aber auch Kufen von Transportschlitten gewesen sein. Manche Geologen sagen, die Rillen seien durch natürliche Erosion entstanden.

Und wie bei allem, was wissenschaftlich noch nicht eindeutig erklärbar ist, sind die Parawissenschaftler zur Stelle: Entweder sind die Rillen Landebahnen oder Transportwege für außerirdische Fahrzeuge. Wenn man esoterisch verzückt ist, glaubt man, dass die Rillen „Erdenergie“ leiten oder als „Kraftlinien“ für spirituelle Zwecke genutzt worden sein könnten.

Kirche des Heiligen Johannes des Täufers.

Apropos Spiritualität: Nächstes Highlight heute ist die Kirche von Xewkija, die Kirche des Heiligen Johannes des Täufers. Der kreisförmige Bau ist alles andere als historisch, wurde von 1951 bis 1978 errichtet. 27 Meter Durchmesser, 75 Meter Höhe, 45.000 Tonnen schwer. Die neue Kirche wurde um die alte, 1755 geweihte Pfarrkirche herumgebaut, um den Gottesdienstbetrieb nicht zu unterbrechen. Nach Fertigstellung wurde die alte Kirche abgetragen, und das Interieur blieb. Der Pater erlaubte mir einen Blick in das heute geschlossene, in der Kirche befindliche Museum für die Innenausstattung der alten Kirche inklusive ihrer farbenfrohen Böden.

Ein Aufzug im Skulpturenmuseum führt auf die Kuppel, aber er war geschlossen, weil der Pater zusammen mit Helfern Gipsfiguren, die den Leidensweg Christi darstellten, herumwuchtete. Ich fragte, ob eine Prozession anstehe. Der Pfarrer sagte, die sei schon letzte Woche gewesen. Nun müssten die Leidensfiguren aufgeräumt werden. Schließlich brauche man den Platz. Morgen packe man den Auferstandenen aus.

Unterirdisch pinkeln

Auf dem Kirchplatz ist der Eingang eines Aufzugs ausgeschildert. Wenn schon der Aufzug zur Kuppel geschlossen hat, will ich sehen, wohin der Aufzug führt. An der Tür steht, man solle Geduld haben, der Aufzug sei langsamer als man erwarte. Er kommt. Es geht abwärts. Unten angekommen steht man vor einer unterirdischen, öffentlichen Toilette.

Tat-Tmien Kantunieri-Windmühle

Auf dem Weg zur Windmühle von Xewkija, die am Karfreitag geschlossen hatte, kam ich an der ebenfalls geschlossenen berühmtesten Bäckerei Gozos vorbei, die ihr Mehl anderswo beziehen muss, denn die Tat-Tmien Kantunieri-Windmühle mahlt nicht mehr.

Die Mühle diente über 170 Jahre lang zum Mahlen von Getreide und war bis 1886 in Betrieb. Die Mühle wurde umfassend restauriert und 2021 wiedereröffnet. Eine neue Holzmechanik wurde nach historischem Vorbild angefertigt, die man theoretisch täglich besichtigen kann, außer an Karfreitag. Ein Grund, wiederzukommen!

Direkt an der Windmühle liegt die Bushaltestelle Industrijali. Sie wird von den Linien 301 und 305 bedient.

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