Bus – Fähre – Zug: Von Malta nach Hause halb im Schlaf

Bus 322  Marsalforn – Mgarr

Noch einmal in den Bus 322 steigen. Es ist 6.40 Uhr. Ich habe in meinem Ferienzimmer den Müll runtergebracht. Tonnen gibt es nicht. Man stellt das Tütchen mit dem Biomüll auf die Außentreppe und die Müllabfuhr sammelt sie ein. Manche Häuser haben eine Art Kleiderständer, an den die Bewohner ihre Mülltüten hängen. Ich habe den Schlüssel im Schlüsseltresor verstaut, das Nummernschluss verdreht. Dann fahre ich mit Bauarbeitern und anderen verschlafenen Menschen in den Süden. Die Haltestellenansage ist noch aus. Um diese Zeit wissen die Leute, wo sie aussteigen wollen. Ich hätte gerne nochmal die Aussprache der Haltestellen geübt.

Fähre Mgarr – Ċirkewwa

Auch auf der Fähre sind einheimische Gäste um diese Zeit weitgehend unter sich. Sie bestellen Kaffee, lesen, manche haben Frühstück mitgebracht. Es ist trüb, aber nicht nebelig, sondern gelblich-trüb. Saharastaub liegt in der Luft.

Bus 41 Ċirkewwa – Bombi 1

Der Bus ist voll, sehr voll – und er wird immer voller. Fahrgäste rufen nach vorne, man möge die Klimaanlage anschalten. Ich habe einen Sitzplatz. Von Bombi 1 gehe ich zum Fährhafen. Es gibt keine Gepäckaufbewahrung, aber ein Restaurant in der Nähe ist bereit mein Gepäck zu hüten, während ich noch einmal nach Valletta hineinfahre. Valletta ist voll. Stadtführerinnen recken Schirme nach oben. Menschen mit Stöpseln im Ohr gehen hinter ihnen her. Junge Frauen fotografieren sich über der Batterie mit den Kanonen. Lautsprecher machen auf das Angebot am Abfeuern der Kanonen teilzunehmen aufmerksam. Ein als englischer Polizist verkleideter Mann rennt durch die Menge. Er muss wohl eine Kostümführung leiten und ist spät dran. Pseudo-Kreuzritter bieten sich an fotografiert zu werden. Straßenmusiker, Souvenirläden, Touristen-Bähnchen.

Ich fühle mich leicht genervt, was aber vermutlich an dem Nervenproblem meines linken Beines liegt, das sich nicht bewegen lässt. Ich kehre vor der Zeit zum Fährhafen zurück mit Bus 130, der direkt am Fährhafen hält und nur stündlich fährt.

Fähre Valletta – Pozzallo

Ich sitze wieder im Nach Johannes Paul II benannten Katamaran. Ich habe eine Rumkugel gegessen und einen Kaffee getrunken und warte auf die Abfahrt. Mein Bein schmerzt. Und mit Schmerzen kann ich keine Kalorien zählen. Ich muss den störrischen Körper ein bisschen verwöhnen.

In Pozzallo will ich mir den Fußweg sparen. Ich frage die Verkäuferin des kleinen Kiosks auf dem Schiff, ob es einen preiswerten Weg von der Fähre ins Zentrum gibt. Sie organisiert ein Taxi für mich, das 5 Euro kostet. Auf dem Hinweg habe ich vom Bahnhof in Pozzallo zur Fähre 20 bezahlt. Mir war klar, dass das überteuert ist, konnte mich aber nicht wehren.

Pozzallo

Durch den Versuch mein Bein zu schonen, habe ich in Pozzallo wenig gesehen, stattdessen aber an den Outdoor-Escape-Touren Stuttgart gearbeitet.

In Malta war ich sparsam, habe fast immer selbst gekocht. Aber am Abschieds-Abend auf Sizilien habe ich mir einen Teller voll frischem Fisch in einer Trattoria mit Blick aufs Meer gegönnt – und zum Abschiedsfrühstück ein köstliches Brioche.

Zugfahrt Pozzallo, Umstieg in Syrakus, Nachtzug bis Bologna

Kann man gleichzeitig zugfahren und schwimmen? Ja! Und zwar über die Straße von Messina. Der Zug wird geteilt, auf eine Fähre gezogen. Man darf aussteigen. Statt Bahnsteig stehen Höckerchen bereit. Eine Etage über den Zügen gibt es einen Bartresen mit Kaffeemaschine und entsetzlich fettigen Snacks, und Holzsitze, die an die Bestuhlung einer Schulaula erinnern. Ich entscheide mich aufs Sonnendeck zu stellen und genieße den Wind und leichten Nieselregen aus hellgrauen Wolken, die sich mit dem schwarzen Ruß aus den Schiffskaminen mischen, bis eine Durchsage und resolute Begleiter die Passagiere wieder in ihre Züge schicken.

Ich mag es, auf dem Meer unterwegs zu sein, aber es riecht nicht mehr ausschließlich nach Sehnsucht und Ferien wie früher. Gerade gestern, im Wellengang, hielt ich nach Booten Ausschau und fürchte, am Strand auf angeschwemmte Leichen von Geflüchteten zu stoßen. Ich denke an alle, die ich kenne, die über dieses Meer nach Europa gekommen sind und die, die ich nicht kenne und die niemand kennt, weil sie unterwegs gekentert sind. Der Blick aufs Meer ist auch ein Blick auf einen Ort des Unglücks und Todes geworden.

Mein Viererabteil füllt sich. Erst war ich allein, dann stieg in Catania eine ältere Dame zu und auf dem Festland eine Geigerin, die mit Duolingo Deutsch übt: „Die Praktikantin ist eine große Hilfe.“ „Der Schreibtisch ist zu klein.“

In der Nacht wache ich nur kurz auf, als jemand ins Bett über mir klettert: Eine Juristin aus Venezuela, die in Italien als Spanischlehrerin arbeitet. Nicht, dass wir jetzt alle nachts viel gesprochen hätten. Wir haben alle geschlafen. Ich bin überzeugt davon, dass der öffentliche Verkehr ein ganz wichtiger Faktor sozialer Interaktion ist. Wenn Menschen mit dem Auto zur Arbeit, mit der Auto in den Urlaub fahren, was formt dann ihre Vorstellung von Gesellschaft außerhalb ihrer Familie, ihrer Arbeitsstelle oder ihres Vereins? Zugbegegnungen sind flüchtig und doch immer interessant.

In Bologna treffe ich auf dem Bahnsteig den hessischen Bildhauer wieder, der in Sizilien als Restaurator arbeitet und in der Heimat seine Eltern besuchen wird.

Mit der ÖBB von Bologna nach München

Die Alpen! Ich starre stundenlang aus dem Fenster.

Willkommen bei der Deutschen Bahn.

In München steige ich in einen ICE Richtung Stuttgart, stecke das fast leere Handy an einer Steckdose ein, verstaue mein Gepäck und mache mich auf zum Speisewagen. Ich habe seit dem Fettgebackenen auf der Straße von Messina nichts gegessen.

Ich bestelle ein Angebot mit dem Namen: „Pizza Mozza-Bella Deluxe“ und eine Limonade, da kommt eine Zugbegleiterin und sagt den Restaurantmitarbeitern, sie könnten gleich wieder zusperren, der Zug fahre nicht. Also raus auf den Bahnsteig und eine Pommes vor der Bahnhofshalle verschlungen. Nicht „deluxe“ aber okay.

Nächster Versuch. Ein neuer ICE. Kaum bin ich drin, kommt die Durchsage: „Bitte steigen Sie noch einmal aus. Wir wissen noch nicht, wohin dieser Zug fährt.“ Verwirrte Fahrgäste, denen ich versuche auf Englisch zu erklären, dass bisher das Ziel des Zuges nicht feststeht. Raus. Die Anzeige erscheint: Hamburg über Stuttgart. Wieder rein. Voll ist es! Aber ich habe einen Sitzplatz neben einer sehr netten jungen Frau namens Ulrike, mit der ich mich bis Stuttgart angeregt unterhalte. Sie hatte gestern ihren letzten Arbeitstag, hat gekündigt und wird zu ihrem Freund nach Israel ziehen. Diese kleinen Einblicke in ein Leben: Ich liebe sie.

Stuttgart-Plüderhausen

Fahrt von Stuttgart nach Plüderhausen ohne Vorkommnisse. Stefano holt mich vom Bahnhof ab. Mohamed schließt mir auf. Die spanischen Studentinnen, die sich in meiner Abwesenheit um den Garten gekümmert haben, haben eine Karte auf dem Tisch zurückgelassen. Ich habe nur einen Wunsch: Duschen!

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