Goethe oder meine Eltern?
Morgens bummle ich nochmal durch Syrakus. Der mediterrane Geruch, die Mischung aus Zweitakter-Abgasen, Meer und rottender Bausubstanz weckt Kindheitserinnerungen. Meine Eltern liebten Italien. Ich erinnere mich an die Mittelstreifen aus blühendem Oleander auf italienischen Autobahnen, die ich vom Rücksitz aus an mit vorbeiziehen sah, an Opuntien, die ich als Kind Ohrenkaktus nannte, und von der wir ein Ohr abschnitten und in Deutschland weiterwachsen ließen.
Ich bin in meinem Leben schon oft nach Osten, Norden, Westen gereist, aber Südeuropa wärmt auf unerklärliche Weise meine Seele. Haben meine Eltern mit dem Ohrenkaktus die Italienbegeisterung in meine Seele gepflanzt? Oder ist Johann Wolfgang von Goethe schuld, der und Deutschen die Reiselust ins Land, wo die Zitronen blühen eingeimpft hat, die sich inzwischen genetisch weitervererbt? Diesmal ist Italien nur Transitland.
Syrakus – Pozzallo
Um 11.11 Uhr fährt der Nahverkehrszug in Syrakus ab. Die Tickets werden beim Einsteigen kontrolliert. Die Schaffnerin steht schon eine halbe Stunde vor Abfahrt bereit. an jedem Unterwegshalt wird per Anzeige bekanntgegeben, dass der Zug pünktlich ist. Keine Ahnung, ob die Anzeige eingeführt wurde, um bei deutschen Reisenden Neid zu wecken. Um 12.14 Uhr erreichen wir pünktlich Pozzallo. Der Bahnsteig ist verblüffend schmal.
Da ich Sorge habe, ob ich es zu Fuß rechtzeitig zum Check-In der Fähre schaffe, habe ich zuvor schon ein Taxi bestellt. Der Preis von 20 Euro zwischen Bahnhof und Hafen ließ sich nicht herunterhandeln. Ich gehe davon aus, dass die Check-In-Zeit um 13 Uhr sich eher auf Autos bezieht. Menschen sind weniger kompliziert zu laden und sollten auch in unter einer Stunde verschifft werden können. Aber ich bin pünktlich.
Fähre Pozzallo – Valetta
Am Hafen wird mein Gepäckwägelchen durchleuchtet und schwupps – verladen auf ein größeres Gepäckwägelchen. Mist. Ich hatte keine Chance die Kamera rauszuholen. Auf einer Metalltreppe klettere ich hinauf in den Fahrgastraum und sitze auf einem roten Kunstleder-Sesselchen mit Blick aus dem Fenster. Ich esse ein Arancino, einen sizilianischen, in Fett ausgebackenen Reisball. Fahren und fasten passt nicht zusammen.

Die Fähre, ein nach dem heiliggesprochenen Papst St. Johannes Paul II benannter Katamaran, ist gläsern wie das Papamobil. Sie wurde in Tasmanien gebaut. Bei Abfahrt ist der Himmel blau. Über Malta hängt eine graue Wolke. Es regnet, als ich aussteige, doch ich bin noch nicht beim Bus, da scheint die Sonne wieder.
Die Busfahrt ist wenig angenehm. Ich sitze rückwärts. Unter der Regenjacke, die ich vergessen habe auszuziehen, dampfe ich. Der Bus steht im Stau. Er wird aber immer leerer. Am Fährhafen Cirkewwa sind wir nur noch zwei Passagiere.
Fähre Cirkewwa – Mgarr
Die Fähre nach Mgarr scheint von Touristen gemieden zu werden. Ihr Cafeteriabereich hat das Flair des Wartebereichs eines Bezirkskrankenhauses. Es scheinen hauptsächlich Pendler unterwegs zu sein.


Zuerst dachte ich, Gozo müsse also fremdenfrei sein. Ein Irrtum, den ich in Mgarr entdeckte: Taxifahrer auf Kundenfang und eine lange Schlange an der Schnellfähre, die Gozo direkt mit Valletta verbindet und ausgebucht ist.
Mgarr – Victoria – Marsalforn
Als ich auf einen Bus nach Victoria warte, erkenne ich: Google Maps kennt Malta nicht. Die Uhrzeiten stimmen nicht. Die Routen stimmen nicht und die Fährzeiten werden beim Routenplaner ignoriert. In Victoria, sagt der google-Routenplaner, habe ich 45 Minuten Aufenthalt. Es gibt aber deutlich regelmäßiger Busse nach Marsalforn. Inzwischen habe ich, wie die anderen Wartenden, die Tallinja-App.
Der Bus 310 kommt neun Minuten verspätet. Eine vermutlich aus England ausgewanderte Hippiefrau, die bei Uhrzeiten pedantischer zu sein scheint als beim Erscheinungsbild, äußert ihren Unmut. Im Bus sitzt sie Alkohol ausdünstend neben mir.
Mein Gästezimmer liegt in einem dreistöckigen Gebäude. Ich suche im Treppenhaus das Licht, bis ich feststelle, dass die Taster mit Klingelsymbol die Beleuchtung anknipsen. Ich stelle mein Gepäck in meinem Zimmer unter und mache mich auf zum Meer. Da ich zu spät dran und auch zu träge bin, um Lebensmittel zu kaufen, gönne ich mir in einem Restaurant mit Meerblick frischkäsegefüllte Ravioli und einem Glas mit 18,75 cl Wein – ein maltesisches Viertele.
Ich bin in Gozo. Es geht ohne zu fliegen. Quod erat demonstrandum. Was zu beweisen war.
Das Bezirkskrankenhaus in Neumarkt hat ein sehr gemütliches Café und richtig guten Cappuccino, empfehlenswert!